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Warum ich Bilderbüchern keine Träne nachweine

vonSaskia Wöhler

Bei uns im Haus gibt es viele Bilderbücher, die unsere jüngste Tochter nur zu gerne hervorholt. Obwohl ich Bücher liebe, muss ich mich beim Anblick vom Großen Bilderwörterbuch zusammenreißen, um nicht schreiend davonzulaufen.

vonSaskia Wöhler
Wie macht denn bloß der Marienkäfer?
Wie macht denn bloß der Marienkäfer?
© Unsplash/ Stephen Andrews

Das Buch ist dabei beinahe so groß wie unsere jüngste Tochter. Dass sie es jeden Tag unter Anstrengung zu mir trägt, zeigt ihre Begeisterung für dieses Buch. Und gibt mir Zeit, mich mental etwas darauf vorzubereiten. Denn innerhalb weniger Momente plumpst ein kleiner Windelpo in meinen Schoß und übergibt mir feierlich das riesige Buch mit den vielen bunten Bildern. Kleine Finger zeigen auf jeden der spannenden Gegenstände. Ich werde jede Silbe betont aussprechen und im Kopf abschalten.

Bilder meiner Welt

Die kleineren Bilderbücher sind schneller transportiert und folgen dem Favoriten. Ein Bild pro Seite. Ein Motiv pro Bild. Für kleine Kinder ist dieser Aufbau ideal, um sich die Welt langsam zu erschließen. Sie erkennen in den Bildern ihre kleine Welt wieder. Da ist eine Flasche, ein Schnuller, ein Kuscheltier oder eine Banane. Langsam finden sie mit dem Bilderbuch die Wörter, um ihre Welt zu benennen. Auf dem Weg dahin spricht „die Mama“ betont langsam jede Silbe von jedem Wort. Schließlich ist es wichtig, dass die Kinder sich mit Wörtern verständigen können. Aber: meine Welt ist das nicht.

Alle Jahre wieder

Da unsere Kinder nicht wirklich weit auseinander sind, begleiten (ok, eher verfolgen) mich die Bilderbücher in ihrer erschlagenden Einfachheit seit acht Jahren. Da sie irgendwie alle ähnlich sind, bringt ein Wechsel zwischen verschiedenen Werken leider keine Verbesserung. (Ein Ball ist ein Ball ist ein Ball oder so ähnlich.) Mein schlechtes Gewissen verbietet mir aber, direkt in die Bilderbücher mit etwas mehr Text einzusteigen. Also schauen wir uns weiter das Große Bilderwörterbuch und seine Gefährten an.

Wie macht denn bloß der Marienkäfer?

Um das ganze aufzupeppen, habe ich bei unseren Söhnen Geräusche, Lieder und Bewegungen zu den Bildern gemacht. Meine Wolfsrufe sind bis heute in unserer Familie legendär. Es gibt aber Tierarten, die zu langanhaltenden Debatten in der Familie führen. Denn welche Geräusche machen bitteschön:

  • Marienkäfer
  • Känguru
  • Eichhörnchen
  • Ameise
  • Maus versus Ratte

Wer denkt, er könne das spontan überlegen, vergisst sein Publikum. Kinder merken sich die Geräusche sehr genau und weisen auf Fehler hin. Dafür müssen sie nicht einmal sprechen können.

Geschichten von der Bohrmaschine

Auch die Maschinen erhalten Geräusche. Meine Versuche sind dabei allerdings von weniger Erfolg gekrönt. So viele Variationen von „BRMMM“ gibt es auch eher nicht, um die Vielfalt der abgebildeten Fahrzeuge darzustellen. Und meine Bohrgeräusche sorgen eher für Lachanfälle als für Begeisterung (und jaaa, auch einjährige Kinder lachen ihre Eltern hemmungslos aus – man ist ihnen nicht einmal böse deswegen, sondern lacht mit). Deswegen kitzeln sich Bohrmaschinen bei uns jetzt immer ihren Weg in die Hände oder Seiten. Manches Mal macht es mir Sorge, ob das zu späteren Unfällen führt. Wie erkläre ich dann, dass meine Kinder glauben, Bohrmaschinen würden kitzeln?

Essen aus Büchern

Es gibt einige Bilderbücher, die zeigen Essen. Das wird bei uns dann fleißig direkt aus den Seiten heraus aufgegessen. Sehr zur großen Freude der Kinder, die mich mit Hingabe mit Erdbeeren, Keksen und Äpfeln füttern. Schokolade und Kuchen werden übrigens weniger großzügig geteilt. Getränke werden eingeschenkt und lautstark geschlürft. Bei Tee wird auch gepustet. Anziehsachen werden aus den Bilderbüchern herausgenommen und sorgfältig übergezogen. Wenn die jüngste Tochter das Gefühl hat, ich wäre nicht ganz bei der Suche, isst sie einen Schuh und wartet auf die passende Reaktion. Als ob ich dieses Spiel bei der fünften direkten Wiederholung nicht mehr packend finden könnte.

Reime sind auch nicht immer schön

Nach diesen ersten Bilderbüchern folgen die gereimten Freunde. Meine Kinder wissen alle, mit welchen Büchern sie mich immer vom Vorlesen überzeugen können. Denn wenn Wanjas Haus am Waldesrand steht oder die Maus den Grüffelo überlistet, macht das Vorlesen Spaß. Aber auch hier lauern mir unglaubliche Nervensägen mit schlechten Reimen in unseren Regalen auf. Egal, wie häufig aussortiert und versteckt wird (jaaa, wir haben Bücher bereits versteckt), sie finden sich immer wieder oder werden durch neue Geschenke ersetzt. Meine Freude war unbeschreiblich groß, als unsere Jungs eine Vorliebe für Grünes Ei mit Speck entwickelt haben. Da wird das Buchanschauen zur echten Freude statt zur pädagogischen Performance.

Große Liebe zu Büchern fast jeder Art

Vor den Bilderbüchern hätte ich gesagt, dass ich Bücher uneingeschränkt liebe. Da bin ich heute zurückhaltender. Tatsächlich freue ich mich sehr auf den Tag, wenn die Bilderbücher bei uns ausziehen und ich nicht mehr einzelne Silben und schlechte Reime vorlese. Allerdings warten auch danach nicht nur Perlen der Literatur auf die gewillten Vor- und Mitleser. Die Kindergartentochter entwickelt eine Vorliebe für das Mädchen mit der Schleife im Haar. Bei so viel Bravheit fällt mir das Vorlesen schrecklich schwer und ich möchte in jedem Satz Lottas „Zum Teufel“ einwerfen. Einzig Bobo Siebenschläfer ist mir bisher erspart geblieben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden …

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