Raus aus dem Alltag, rein in den Abend – aber wie?

Kind in eine Decke gekuschelt im Bett
"Kinder brauchen Abläufe, aber nicht unbedingt strenge …"
© Pexels / Mikhail Nilov

Bei vielen Familien geht abends beim Zubettbringen der Kinder nochmal so richtig die Post ab. Warten, Wehren, Weinen … Das muss nun wirklich nicht sein, findet unsere Autorin Anja. Hier berichtet sie von den ungewöhnlichen Abendritualen ihrer vierköpfigen Familie – und befragt gleich noch ein paar andere Eltern, wie sie dem Thema gegenüberstehen.

19:30 Uhr. Meine beiden Jungs rennen durch die Bude …

Eine Runde ums Klavier oder sie machen noch mal schnell ihr „Abendtrampolin“ auf dem Elternbett. „Mamaaa, jagst du uns?“ Puh. Klingt anstrengend? Ist es auch. Und zwar so richtig. Manchmal wünsche ich mich wirklich ganz weit weg von hier, nach Mauritius oder so …

Denke ich allerdings genauer darüber nach, scheint mir unsere „rabaukige“ doch die entspanntere Variante neben etwa den folgenden dreien zu sein:

  • „Nein! Ich geh‘ nicht ins Bett!“ oder
  • „Nee! Meine Zähne putz‘ ich nicht!“ und
  • „Nö! Ich zieh‘ mich nicht um!“.

Mit Druck und Zwang? Kann man natürlich ausprobieren. Zur physischen Herausforderung käme dann allerdings noch die psychische. Vom Regen in die Traufe? Hm, ja. So stellt es sich für mich jedenfalls dar. Und genau deshalb machen wir das hier zu Hause lieber ein bisschen anders.

: Für kleine und große Kinder

Alles „um die Wette“

Darum spielen wir abends eben eine Runde Fangen, räumen die Millionen an LEGO-Kleinteilen um die Wette auf oder machen irgendeinen – ziemlich sportiven – Quatsch, der für die Bengelchen-Engelchen den Tag wenigstens mal mehr und mal weniger kichernd bis lachend ausklingen lässt (und auf den Hometrainer oder ins Fitnessstudio musst du dann eigentlich auch nicht mehr).

Ansonsten haben wir aber schon eine feste Reihenfolge, was das Umkleiden und die Pflege der Jungs betrifft: K. (5 Jahre) ist abends zuerst dran, dann P. (8Jahre). Morgens ist es genau andersherum. So bringen wir zudem noch „Gerechtigkeit“ ins Spiel.

Aber wehe, diese Abfolge stimmt mal nicht so ganz („ICH bin zuerst, das ist unfair!) … Das ist nun wiederum eine andere Geschichte, die ich euch jetzt besser nicht erzähle. Ich bin mir ziemlich sicher: Ihr kennt sie ohnehin bereits.

Lesen, lesen und nochmals lesen

Was für uns alle vier – Papa, P., K. und mich – auf jeden Fall wichtig ist: Wir lesen etwa 20 bis 30 Minuten zusammen – jeden Abend und auch hier darf es keinerlei Abweichung geben. „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“, „Die Schatzinsel“, „Giraffenaffen“ oder „Alle lieben Paulchen“? Egal was. Hauptsache schmökern. Denn sowohl der Papa als auch ich sind und waren schon als Kinder echte Leseratten. Und ihr wisst ja: Wer es vorlebt, muss mit den „Konsequenzen“ rechnen.

Und wie machen es andere?

Mich interessierte sehr, wie es „die anderen“ machen – möglichst harmonisch. Deshalb startete ich kürzlich spontan eine kleine Umfrage zum Thema „Abendrituale“.

Ina aus Oldenburg und ihre Teenager-Tochter zum Beispiel halten es wie folgt: „Wir schreiben zusammen Gedanken und Erinnerungen in unser Erlebnistagebuch, die wir einfach loswerden oder miteinander teilen möchten.“ Die dreifache Mama braucht dies auch selbst zum Verarbeiten des Tages. Klingt hervorragend, finde ich.

: Durchlüften bis Monsterjagd

Einer meiner Journalistenfreundinnen, Doreen aus Hamburg, hat sogar vier Kids und packt vor dem Zubettgehen mit ihnen den „Wunschkoffer“: klassisches Spiel, kennt jeder (bei Aufklärungsbedarf fragt gern bei mir nach). „Und zur Muskelentspannung mache ich Ameisen-Krabbeln“, ergänzt die 50-Jährige.

„Einer übernimmt die Rolle des mutigen Insekts, das sich traut, alles auszukundschaften. Die anderen liegen im Bett und hören zu. Die Ameise wandert in Gedanken zu allen Zehenspitzen, Fingerspitzen und schaut, ob alles okay ist und wünscht jedem Körperteil eine gute Nacht.“

Erinnerungen an die schönen Dinge des Tages

Die 33-jährige Anna-Maria ist Mutter zweier Söhne, genau wie ich – und zudem noch meine Schwester. Sie lebt mit ihrer Familie an der wunderschönen Mecklenburgischen Seenplatte – und erzählt:

„Wir haben Würfel mit verschiedenen Motiven. Zum gewürfelten Bild denken wir uns eine Geschichte aus. Das ist mal etwas anderes und macht echt Spaß. Inzwischen ist Y. fast dreizehn Jahre alt – den Rest kann man sich denken.“ Sie fügt einen zwinkernden Smiley hinzu. Und ich spüre förmlich ihr Schulterzucken: die liebe Pubertät …

Frauke und ihr Sohn bedanken sich am Ende des Tages „für eine Sache, ein Gefühl oder ein Erlebnis“. Im Anschluss massiert die Mama ihrem Kleinen mit einem „natürlichen und toll duftenden Öl“ die Füßchen. Da möchte man doch auch gern noch mal Kind sein oder?

: Abends halb 10 in Deutschland

Anne aus Münster macht mit ihren drei Kids im Alter von fünf bis zwölf Jahren eine „meditative Traumreise“: Die Kinder sagen, wo sie hinwollen, „und ich erzähle ihnen von ihrer Reise.“

Oh, bisher nur weibliche Stimmen. Lassen wir auch mal wieder einen Papa zu Wort kommen. Johannes (40) aus Berlin findet es ganz wichtig, sich mit seinem Nachwuchs „die drei schönsten Erlebnisse des Tages“ zu erzählen. „Das entspannt und bereitet gut auf die Nacht vor.“

Ganz egal, wie wir alle es machen. Hauptsache entspannt, oder? Denn genau so soll schließlich auch die Nacht sein.