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Ganz anders als vorgestellt: So magisch war die Neugeborenenzeit NICHT

„Genieße die ersten Tage mit deinem Neugeborenen“ und „Es ist so eine magische Zeit“ – solche oder ähnliche Sätze hörte ich in den ersten Tagen als frischgebackene Mama mit einem kleinen Wunder in den Armen oft. Doch die ersten Wochen mit Baby waren alles andere als magisch. Im Gegenteil. Kräftezehrend und intensiv treffen es eher. Das Leben mit einem kleinen Baby hatte ich mir ganz anders vorgestellt.

© Unsplash/ Jonathan Borba

Ich war so gut vorbereitet – dann kam alles anders

Ich hatte mir das Wochenbett anders vorgestellt. Vor der Geburt sah ich mich mit meinem schlafenden Neugeborenen im Tragetuch spazieren, im Café sitzen und beim Austausch mit anderen Müttern. So hörte und sah ich es in meinem Umfeld. Gestresst wirkten nur die Mütter, die sich zu viel aufgeladen hatten, im Wochenbett größere Kinder betreuen und den Haushalt alleine schmeißen mussten.

Ich hielt mich dagegen für gut vorbereitet: Die ersten beiden Wochen hatte ich Unterstützung von meiner Mutter und meiner Schwester. Die beiden würden den Haushalt übernehmen und kochen, während ich das Wochenbett genieße. Brauche ich eine Pause, könnten sie auch mal das Baby bekuscheln.

Doch mein kleiner Sohn hatte andere Pläne: Er wollte nur an meiner Brust sein. Kein Tragetuch und keine Wippe konnten ihn beruhigen. Nur mit Brust im Mund war er zufrieden. So schlief und trank er den ganzen Tag. Versuchte ich doch einmal, ihn abzulegen, suchte er nur wenige Minuten später weinend nach der Brust.

Das alles wäre vielleicht nicht so schlimm gewesen, wären da nicht die Hormonumstellung und der „Babyblues“ gewesen. Die Schmerzen beim Stillen trieben mir die Tränen in die Augen. Ich konnte keinen Schritt vor die Haustüre machen, ohne das mein Baby nach der Brust schrie.

An meiner Liebe zu meinem kleinen süßen Baby habe ich nie gezweifelt. Ich war von Anfang an von diesem kleinen Wesen fasziniert. Aber durch diese Herausforderungen kam ich an meine Grenzen. Mein Körper und meine Seele brauchten kleine Auszeiten, in denen ich keine Schmerzen hatte, die Geburt verarbeiten und meine Batterien auffüllen konnte. Das Weinen meines Sohnes, der immerzu nach der Brust suchte, konnte ich aber auch nicht aushalten.

Das Mama-Sein und der Verlust der Freiheit

Vor der Geburt meines Sohnes war ich flexibel und ungebunden. Mit der Geburt meines Sohnes änderte sich das schlagartig: Plötzlich war ich im Haus gefangen. Ich weiß noch, als ich das erste Mal versuchte mit ihm spazieren zu gehen. Ich stillte den kleinen Mann, spannte ihn sofort ins Tragetuch und eilte los. Frische Luft, mal raus kommen, wenn auch nur für 20 Minuten.

Drei Minuten ging das gut. Er schaute herum und schien zufrieden. Dann suchte er die Brust und fing an zu schreien. Ich eilte zurück nach Hause. „Der hat bestimmt Hunger“ rief mir eine Spaziergängerin zu. Überhaupt sagten das alle, die ihn weinen hörten. Meine Nachbarn, Passanten und der Besuch.

Ich fühlte mich schrecklich. Als würde ich mein Baby hungern lassen. Die große Verantwortung für dieses kleine Wesen, die sozialen Erwartungen und mein eigenes Bild einer „guten Mutter“ setzten mich zusätzlich unter Druck.

Es kam öfter als einmal vor, dass ich meinem Mann das Neugeborene direkt im Türrahmen gab. „Ich kann nicht mehr, ich brauche zwei Stunden“, mit diesen Worten ging ich ins Schlafzimmer, um wenigstens zwei Stunden schmerzfrei am Stück zu schlafen.

Mitten in der Nacht wachte ich panisch auf, ohne Baby und Mann im Zimmer. Nur um beide schlafend auf dem Sofa vorzufinden. Wie das mein Mann schaffte, weiß ich bis heute nicht. Und wie das alleinerziehende Mütter, womöglich mit mehreren Kindern, einer traumatischen Geburt und Schreibaby schaffen… Ich habe keine Ahnung. Meinen Respekt haben sie.

„Warte erst einmal ab, bis er laufen kann!“

Irgendwann stand auch der obligatorische Besuch der Schwiegereltern an. Diese waren extra angereist, um den kleinen Menschen zu sehen. Ich wusste nicht, wie das funktionieren sollte, denn er hing ja ununterbrochen an meiner Brust. Aber ich hatte Glück. Genau an dem Wochenende, an dem die Familie zu Besuch war, schlief der kleine Mann mehr als sonst. Vielleicht gefiel ihm der Trubel.

„Der schläft aber lange“ und „Er ist so ein pflegeleichtes Baby“ lobte ihn die Familie. Ich zog mich in mein Schlafzimmer zurück und heulte. Wenn ich doch einmal erwähnte, wie schwierig die Zeit mit Neugeborenem für mich ist, bekam ich nur zu hören „Warte erst einmal ab, bis er laufen kann! Das wird anstrengend“.

Niemand konnte sich vorstellen, wie sehr ich körperlich und psychisch unter der großen Verantwortung, den Schmerzen und dem ständigen Verbundensein mit diesem kleinen Baby litt, für das ich doch nur das Beste wollte. Wie denn auch – nicht einmal ich hätte mir vorstellen können, wie herausfordernd die erste Zeit mit einem Neugeborenen sein kann.

Die Realität mit Neugeborenem war nicht magisch, aber intensiv

Ich verspüre auch heute noch etwas Neid, wenn ich frischgebackene Mütter erzählen höre, wie viel Zeit sie mit ihrem kleinen Baby doch haben. Ich war auch mehr als erstaunt, als ich meine Freundin mit ihrem neugeborenen Sohn besuchte und sie ihn nach dem Stillen einfach in sein Bettchen ins andere Zimmer legte, wo er dann ohne Mucks einschlief.

Wenn ich allerdings an meine erste Zeit mit meinem Sohn zurückdenke, habe ich keine negativen Erinnerungen. Mein Wochenbett war zwar nicht magisch, aber es war sehr intensiv. Und diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Während ich eben nicht mit dem Kinderwagen im Café saß oder die Sonne im Park mit schlafendem Baby auf der Decke genoss, lernte ich viel über meinen kleinen Sohn und meine neue Identität als Mutter.

Weder für ihn, noch für mich waren die ersten Tage leicht. Aber wir rauften uns zusammen. Ich spürte meine körperlichen und psychischen Grenzen und er lernte, dass er seine Bedürfnisse äußern darf und diese wichtig sind. In dieser intensiven ersten Zeit lernten wir uns kennen. Er mich und ich ihn.

Und irgendwann wurde es leichter. Irgendwann kam er an in der Welt und fing an, sie voller Neugierde und ohne Angst zu entdecken. Dann war es für ihn in Ordnung, tagsüber mal ohne Körperkontakt die Umgebung anzuschauen, auch wenn stundenlanges Nuckeln noch lange zu seinem Abendritual zählten.

Aber es wurde leichter und ich genoss die kleinen Glücksmomente umso mehr.

Mittlerweile kann er laufen und ich kann mit Sicherheit sagen: Nichts war so herausfordernd und intensiv wie die ersten drei Monate.