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Sternenguckerin – Geburt mit Komplikationen

vonSaskia Wöhler

Unser drittes Kind war Sternengucker. Zusätzlich dazu war sie groß und schwer und bei der Geburt hat mir niemand zugehört. Wäre nicht so ein entzückender Mensch in mein Leben getreten, wären das rein bittere Erinnerungen.

vonSaskia Wöhler
© Pexels / Pixabay

Leider zählt Geduld nicht zu meinen Stärken. Bedauerlicherweise hat das meine Kinder bereits vor ihrer Geburt nicht die Bohne interessiert. Sie ließen mich alle über den errechneten Termin hinaus warten. Wegen meiner Werte wurde eine Woche nach dem errechneten Termin bei Tochter 1 eingeleitet. Obwohl ich es besser wusste, beging ich den Kardinalfehler und googelte Geburtseinleitungen. Schwerer, schwerer Fehler.

Ich las in der schlaflosen Nacht vor der Einleitung von Frauen, bei denen tagelang erfolglos die Geburt eingeleitet wurde. Von Komplikationen mit schlechten Herztönen las ich ebenfalls.

Meine Nerven lagen pünktlich zum Einleitungsmorgen bei Tochter 1 blank. Zusätzlich hatte ich Wehen bekommen. Als ich am Morgen im Kreißsaal anrief, wurden die Wehen stärker. Ich fuhr alleine mit dem Taxi und meiner Tasche ins Krankenhaus, meldete mich an und ging nach oben.

Vertrauensbildende Maßnahmen

Ich hoffte darauf, die gleiche Hebamme wie bei unseren Söhnen zu haben. Was bei einem großen Krankenhaus bereits bei zwei Kindern reines Glück ist. Trotzdem brachte mich bereits das aus dem inneren Gleichgewicht. Ich versuchte sowohl bei der Untersuchung als auch beim CTG zu erklären, dass bei mir Wehen eingesetzt hatten und vielleicht die Geburt alleine losging. Die Hebamme war nicht in Verhandlungslaune, weil es eine medizinische Indikation gäbe.

Bei Geburtseinleitungen wird prophylaktisch immer ein Zugang gelegt. Sollte es zu Komplikationen kommen, kann damit schnell gehandelt werden. Das versuchte die Hebamme zweimal erfolglos bei mir, was als vertrauensbildende Maßnahme keine Wunder wirkte. Dann bekam ich die erste Tablette.

Ich wurde auf mein Zimmer geschickt und ein paar Runden laufen, um alles schön anzukurbeln. Als mein Mann drei Stunden später kam, lag ich wieder am CTG und durfte danach – ohne weitere Tablette – in den Kreißsaal.

: Wann, wie und wieso?

„Hinterher sind Sie froh“

Die Wehen fühlten sich verkehrt an. Sie waren schnell nacheinander und trotzdem nicht effektiv. Genauer kann ich es bis heute nicht beschreiben. Es war ein Druckgefühl vorhanden, was eigentlich noch nicht da sein sollte.

Ich versuchte, mit der Hebamme zu sprechen. Sie schlug vor, in meinem Kopf Akupunkturnadeln zu setzen. Das würde meiner Entspannung dienen. Ich schlug einen Kaiserschnitt vor, weil mich eine Narkose garantiert mehr entspannen würde. Die junge (kinderlose) Ärztin tätschelte meinen Arm und sagte: „Nein, nein. Hinterher sind Sie froh, dass Sie keinen Kaiserschnitt hatten. Da bin ich sicher.“

Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob das stimmt. Ja, wenn die Heilung kompliziert gewesen und ich lange eingeschränkt gewesen wäre – dann hätte ich diese Entscheidung vermutlich bereut.

Aber wer kann das in dem Moment schon sagen? Und bleibt es nicht mein Risiko und nicht das von anderen Menschen, die eben nicht in meinem Körper stecken? Natürlich ist man unter starken Schmerzen nicht mehr vollständig zurechnungsfähig. Ich würde unter der Geburt keine rationalen Lebensentscheidungen wie einen Hauskauf oder Ähnliches empfehlen.

 

Aber die Entscheidung über die Belastbarkeit des eigenen Körpers und den Fortgang der Geburt, sollte immer bei der einen Person im Saal liegen, die hautnah dabei ist. Und das ist eben nur eine Person im Raum: die werdende Mutter. Das ist nicht die Ärztin, die Hebamme und genauso wenig der Partner.

Lachgas – Call the Midwife lässt grüßen

Wer – wie ich – die Serie Call the Midwife liebt, kennt das gute, alte Lachgas. Seit der Geburt von Tochter 1 kenne ich es live und in Farbe. Nach Lachen war mir auch mit dem Gas nicht zumute, aber ich wollte nicht mehr den Kreißsaal auseinandernehmen und den Leuten um mich herum ins Gesicht springen. Was vermutlich in der Situation so nah wie nur möglich an den Zustand des Lachens herangereicht hat.

Zweimal wurde mein Zugang unter der Geburt erneuert. Das erste Mal hat es die Hebamme noch versucht, danach hat sie es an die Ärztin weitergegeben. Zu meiner Beruhigung und Entspannung hat das Getüddele an meinem Körper mit Fixieren meines Armes in keiner Weise beigetragen.

Verschränkte Arme und Blick zu den Sternen

Schließlich kam nach einer kurzen letzten Geburtsphase Tochter 1 mit den Ellenbogen über der Brust überkreuzt und mit dem Blick nach oben in dieser Welt an. Fast so als wollte sie sagen:

„Wenn ich rauskommen muss, dann nur so, wie ich das will. Und – ganz ehrlich – was soll ich nach unten gucken?“

Auch wenn ich wenig von vorzeitigen Charakterzuschreibungen halte – diese Haltung ist geblieben. Unser Sternenguckerkind ist bis heute ausgesprochen stur und mit einem großen Freigeist versehen. Meine Schwiegermutter sagte lapidar: „Mit den Regeln hat sie es nicht so.“ Ich verteidigte: „Sie hat ein großes Streben nach Autonomie.“

: Was ist anders?

Vertrauen = wichtigste Geburtszutat

Ich habe größte Hochachtung vor den Hebammen und Ärzt*innen, die im Kreißsaal arbeiten. Es ist eine Arbeit unter Hochdruck, von der so viel abhängt. Bei drei von vier Geburten habe ich mit meinen Geburtshelfern das größte, unverschämte Glück gehabt.

Aber bei dieser Geburt hätte ich um einen Tausch der Hebamme bitten müssen, da ich ihr nicht vertraut habe. Vertrauen in sich und das Umfeld um sich ist bei einer Geburt wirkungsvoller als Lachgas und Akupunkturnadeln zusammen.

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