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Was bin ich den Großeltern schuldig?

vonSaskia Wöhler

Es könnte so schön sein mit den Großeltern. Warum es doch immer wieder zu Konflikten kommt, erklärt Mama Saskia heute.

vonSaskia Wöhler
©Pexels/Pixabay

Eltern, Schwiegereltern und Großeltern – das Leben unter den erwachsenen Generationen gestaltet sich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nicht immer einfach.

Bei räumlicher Nähe ist das bereits ohne Kinder der Fall. Nach der Geburt des ersten Kindes beziehungsweise Enkelkindes spitzen sich die Konflikte oft zu. Für beide Seiten scheint es um Respekt und das Gesehen werden zu gehen. Warum ist das so schwer mit dem zugewandten Miteinander?

Meine Oma war für mich eine wichtige Bezugsperson. In der Kindheit sowieso, aber auch später war sie mir eine zuverlässige Ansprechpartnerin. Sie war klar und kernig und hat vor uns Kindern nie unsere Eltern kritisiert oder sich eingemischt. In ihrem Zuhause galten ihre Regeln – die durchaus anders waren als bei uns – und bei uns Zuhause war sie Gast und hat sich herausgehalten.

: Kinder von Oma und Opa verwöhnt

Meine eigene Mutter ist kurz vor der Geburt unseres zweiten Kindes gestorben. Weder meine Kinder noch ich haben sie wirklich als Oma erleben dürfen. Auf der Seite meines Mannes haben unsere Kinder Glück, denn dort haben sie eine wunderbare Oma.

Wunderbare Oma, aber nicht erziehungsberechtigt

Meine Schwiegermutter geht auf die Kinder ein, unternimmt etwas mit ihnen und freut sich aufrichtig über ihre Enkelkinder. Auf der erwachsenen Ebene ist das leider manches Mal nicht so einfach.

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Für mich ist klar: Erziehung ist Sache der Eltern. Tatsächlich bin ich in der Hinsicht an keinem Austausch interessiert. Ich möchte nicht bewertet werden. Ich möchte mich nicht rechtfertigen für unsere Entscheidungen, die wir als Elternpaar häufig lange diskutieren. In der Erziehung und im Schaffen einer gemeinsamen Familie sind viele Kompromisse nötig. Mit meinem Partner möchte ich diese finden, mit der weiteren Familie nicht.

Diese Sätze solltest du bei der Erziehung mit verbalen Botschaften unbedingt vermeiden.

Mühen sehen, statt bewerten

Kinderbetreuung, Zeiten der Schule – das sind Themen, da gehen die Meinungen auseinander. Jede Meinung ist jedoch nur eine Meinung und nicht die ultimative Wahrheit. Heute ist vieles anders, ohne dass es das Alte abwertet. Es ist, wie es ist. Unsere älteren Nachbarn sprachen vor mir über die Betreuungszeiten ihrer Enkeltochter. Es sei schlimm für die Kinder, so früh so lange in der Betreuung zu sein.

Aber ja, wenn beide arbeiten „müssten“… Es sind Haltungen wie diese, die den Kontakt schwierig gestalten. Dort findet sich wenig Verständnis und vielleicht ein bisschen wenig Herz. Viele Eltern haben große innere Konflikte beim Spagat zwischen Kind und Arbeit. Kritische Blicke machen es nicht netter. Junge Eltern spüren solche Urteile. Haltung schwingt immer mit.

Welche Rechte hat die neue Familie?

Bei vielen jungen Eltern führt der Besuch der Großeltern zu Bauchschmerzen. Spitzen, abfällige Bemerkungen, Korrekturen an den Kindern gehören für viele Großeltern – bestimmt auch unbewusst – zum „guten Ton“. Bewerten hat jedoch mit Liebe und Respekt nichts zu tun.

Bei erwachsenen Kindern hat man lange keinen Erziehungsauftrag mehr. Bei Schwiegerkindern hat man ihn nie gehabt. Die Zeit des Familienoberhauptes, was den Ton und der gesamten Familie die Richtung vorgibt, ist vorbei.

In der heutigen Zeit ist respektvolle Zugewandtheit der Eintrittsschlüssel und nicht Autorität. Die jungen Eltern bestimmen in ihrer Familie, wie es läuft und welche Traditionen bleiben. Abzüge in der B-Note gehören im Familienalltag dazu – auch wenn es sich jeder anders wünscht. Aber niemand möchte Bewertungsschilder im innersten Bereich.

Kernschmelze Familie

Eine neue Familie zu entwickeln, hat viel mit einer Kernschmelze gemeinsam. Es ist ein oft schmerzhafter Prozess, bei dem sich beide Seiten von ihrem Ausgangspunkt entfernen.

Das ist vielleicht – wenn man als Teil der alten Familie zum alten Kern gehört – schwer zu ertragen, denn es ist ein Abschied. Es werden nicht alle Traditionen fortgeführt. Manches bleibt und vieles bleibt nicht. Frottee-Strampler, Redewendungen, Feiertagsroutinen, Umgangston, einige Werte oder Insider-Witzchen sind ein Teil der alten Familie. Wer hieran sehr hängt, fühlt sich möglicherweise abgehängt oder abgewertet.

Es ist aber auch die Chance, ein neues Verhältnis zu entwickeln und das eigene Kind anders kennenzulernen.

Feiern – haben wir eine Verpflichtung?

Darf man als Familie entscheiden, dass man ausschließlich als Kernfamilie zu einem Schulevent, zum Hobbyevent etc. geht? Ich finde ja. Diese Phase im Familienleben muss sich für alle schön anfühlen. Führt das Verhalten eines Großelternteiles oder der Großeltern insgesamt dazu, dass diese Events durch Konflikte überschattet werden, nehmen sie leider nicht teil. Natürlich ist es für die Großeltern schade, wenn sie diese Momente versäumen. Es ist für ein Elternteil ebenso schade, wenn es die Events des Kindes nicht entspannt genießt.

Muss die junge Familie an Weihnachten springen? Nein, sie muss schauen, dass sie für sich eine passende Weihnachtstradition entwickelt. Besonders in Zeiten von Corona ist dies wichtiger denn je. Die Verpflichtung gilt gegenüber den kleinen Kindern, das schönstmögliche und verzauberte Weihnachten zu feiern. Möglicherweise fällt der Gänsebraten weg für einen ruhigen Tag, an dem die Kinder mit ihren Geschenken spielen können. Und die Großeltern willkommen sind.

Sind Kindern ihren Eltern etwas schuldig?

Viele beginnen mit der Schuldigkeit gegenüber den eigenen Eltern und Großeltern. „Mutti soll nicht einsam sein.“ oder „Es ist ihnen wichtig, dass wir jeden Sonntag da sind.“ Aber wenn ich mich jetzt frage, ob meine Kinder mir etwas schuldig sind oder ich mir später wünsche, dass sie etwas aus einem Schuldgefühl heraustun – ist meine Antwort klar nein.

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Ich habe mich für meine Kinder entschieden. Es ist mir ein wunderbares Privileg, sie begleiten zu dürfen und ihre Persönlichkeit zu entdecken. Ich wünsche mir, dass meine Kinder mich jetzt und später als Bereicherung empfinden. Ich möchte keine Abhak-Besuche haben, keine „Da-muss-ich-mich-auch-mal-wieder-melden“-Anrufe oder ein Gefühl der Verpflichtung verursachen. Ich wünsche mir ein nahes Verhältnis auf Augenhöhe.

Ich bin nicht der Richter meiner Kinder. Jetzt nicht und später erst recht nicht. Diese innere Haltung liegt in meiner Hand.

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