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„Mama, Papa war doof zu mir!“ – Wenn Kinder Eltern gegeneinander ausspielen

vonAnja Polaszewski

Mama Anja erlebt wie alle Eltern, dass ihre Kinder die Grenzen der Erziehung testen. Dieses Verhalten als „Gegeneinander-Ausspielen“ zu bezeichnen, findet sie übertrieben und rät: Nehmt es locker.

vonAnja Polaszewski
© Pexels / Elly Fairytale

Kleine Verhaltensexperimente

Dass Papa und Mama nicht immer einer einhelligen Meinung sind, spüren Kinder von Anfang an: Schon als Babys erkennen sie die Unterschiede in den „Erziehungsmethoden“ der Eltern.

Zum Beispiel: Bei Mama gibt es meist viel zu lachen, Papa bietet dafür mehr Action und tobt wilder mit uns.

Kleine Experimente mit dem Verhalten und den Sichtweisen der Großen kennen alle Kinder und erforschen naturgemäß die – zugegeben ziemlich clevere – Frage: Was passiert eigentlich, wenn ich diese oder jene Reaktion aus Papa oder Mama herauskitzele?

Ein Beispiel aus dem Alltag

Es ist Samstagnachmittag, und so steht er jetzt vor mir, mein Siebeneinhalbjähriger: die Lippen zu einem Schmollmund verzogen – so eine richtig niedliche, unwiderstehliche „Schüppe“, die wohl jedes Elternherz zum Schmelzen brächte.

„Mami? Papa war gerade sooo doof zu mir.“

Oh oh. Ich schaue dem Zweitklässler tief in die großen, braunen Rehaugen und erkenne darin bereits dieses prätriumphale Funkeln … Seine dunkelbraunen, halblangen Haare umspielen das zarte Gesicht. Darin: Abenteuerlust! Wildheit! Neugierde!

Unterschiedliche Herangehensweisen

Ja, es stimmt: Manchmal sind wir uns uneins, der Papa und ich: Während Ersterer Wert darauf legt, dass abends das Zubettgeh-Prozedere reibungslos und möglichst schnell vonstatten geht, weil er nach einem anstrengenden Tag eben selbst müde ist, bin ich eher vom Typ „Eile mit Weile“.

Ich hasse beeilen, ich verachte (Dis-)Stress – nun, wer nicht?

Jedenfalls erkenne ich in diesem Moment: Mein Sohn will mich gegen seinen Vater „ausspielen“.

Offensichtlich bevorzugt unser Kind meine Art, die Nacht einzuläuten:

Noch etwas um den Tisch oder das Klavier herumrennen, spielerisch umkleiden, Socken- oder Unterhosenschlacht mit dem kleinen Bruder, dann Zähneputzen, Toilettengang und Buchlesen. Licht aus, noch etwas quatschen, schlafen …

Dem Papa ist das oft zu viel – und ich verstehe es. Aber wie gesagt … achselzuck.

Mama soll mit Papa schimpfen

Das Bengelchen spürt also ganz genau: Papa und Mama sind sich gerade uneins, und so lotet er nun aus: Wird Mama mit Papa schimpfen? Wird sie ihm vorwerfen, er sei zu ruppig? Wird Papa der Mama an den Kopf werfen, sie sei zu inkonsequent? Nicht mit uns (jedenfalls nicht heute, hähä)!

Noch ehe wir handeln können, wittert der zweite Sohn bereits seine Chance: K. – viereinhalb Jahre alt – gesellt sich zu uns. „Mama? Darf ich bitte Gummibärchen?“

Als ich seine Frage verneine, weil es Abend ist und er heute auch wirklich schon genug Zahnschädigendes erhalten hat, ereifert er sich melodramatisch und schaut, ob der Vater in der Nähe ist. Niemand zu sehen.

Einen Versuch ist es wert

„Papa hat gesagt, ich soll Mama fragen!“ Wieder ein analytischer Blick in etwas jüngere, doch nicht minder große, dafür braun-grüne Kinderaugen. Ich ziehe bewusst die linke Augenbraue hoch.

Klar, er flunkert. Ganz eindeutig.

Ich muss jetzt wirklich aufpassen, dass ich nicht loslache.

Es ist zu süß, wie jetzt er eine Schnute zieht. (Was müssen wir uns oft „zusammenreißen“, nicht wahr? Es ist schier unmenschlich!)

„Ach ja?“, frage ich. Ein Grinsen huscht über sein Jungen-Gesichtchen. Natürlich hat er Papa noch nicht einmal gefragt. „Bist Du Dir sicher?“ K. grinst jetzt stärker und entblößt dabei seine Zähnchen. „Morgen will ich aber!“

Einen Versuch war es wert, morgen geht klar …

Gegeneinander ausspielen wäre übertrieben

Derartige Situationen gibt es auch bei uns natürlich so einige, und nicht alle finden so ein harmonisches Ende wie die soeben beschriebenen.

Manchmal geht es auch bei uns richtig temperamentvoll zu.

Doch ehrlich gesagt halte ich die Phrase „die Eltern gegeneinander ausspielen“ oder Begriffe wie „Manipulation“ sehr unpassend und den Kids gegenüber äußerst unfair.

Ich meine: Es ist doch eher so, dass die Knirpse – zumindest in diesem Alter – eher etwas für sich erreichen wollen, ihre Interessen und Wünsche durchsetzen wollen.
Und nein, das hat nichts mit „Anti-Autorität“ zu tun. Im Gegenteil: Dies zu erkennen heißt verstehen und lieben.

Also: Bleibt locker, gebt den Kids aber zu verstehen, dass ihr sie durchschaut habt. Vielleicht ja aber mit einem schelmischen Augenzwinkern?

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