„Mama, ich will Fußballprofi werden!“: Sollten wir Kinder träumen lassen?

Kind spielt mit Fußball auf der Wiese
Egal, ob es am Ende klappt oder nicht?
© Pexels / Dominika Roseclay

„Ich werde mal Profifußballer“:  Diesen Satz hört unsere Autorin Anja in der letzten Zeit öfter von ihrem Sohn. Wie ernst der 10-Jährige das wirklich meint, weiß sie natürlich noch nicht. Aber wenn er das so sagt, strahlt sein Gesicht – wahrscheinlich sieht er sich schon Seite an Seite mit einem Promi-Sportler des FC Bayern München kicken … Sollten Eltern seine große Hoffnung mildern – oder sie ihm einfach lassen?

Schon jetzt ein kleiner Star

Unser Sohn P. hat schulterlanges, braunes und leicht welliges Haar, und wenn er da mit Stirnband und Trikot auf dem Feld oder in der Halle herumläuft, sieht er jedenfalls schon mal aus wie ein kleiner Star. Und ich vermute: Ein solcher wäre er wohl auch gern, denn er verkündet immer lautstark: „Ich werd‘ später Profi!“ Gemeinsam mit vielen anderen 10- und 11-Jährigen der Gemeinde kickt er momentan in der E-Jugend.

Fertigkeit, Geschick – aber auch: Glück

Schonend versuche ich ihm klarzumachen, dass nicht jeder gut oder sehr gut Fußball spielende Junge auch einmal Profifußballer wird. Ich erzähle ihm, dass dazu viel mehr gehört als „nur Skills“, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Geschick, sondern eben auch eine gehörige Portion Glück eine tragende Rolle spielt.

P. schaut mich fragend an, und ich denke, dass ich ihn so gern darin bestärken möchte, seinem Traum vom professionellen Fußballspieler ein Stück weit näher zu kommen – dahingestellt, wie ernst dieser Wunsch momentan (noch) ist.

Fairness, Freundschaft und Zusammenhalt

Und während ich vor mich hin sinniere, kommt mir zunächst Folgendes in den Sinn: Im Kinderfußball geht es doch neben der sportlichen Geschäftigkeit auch um wirklich gute Werte wie faires Spiel, Teamzusammenhalt und manchmal sogar: Freundschaft. Das ist schön. Und wichtig. P. hat Talent und Freude am Fußballspielen, genau deshalb fördern und unterstützen wir Eltern unseren Jungen. Wir fahren mit ihm zu den Spielen, feuern ihn an, bestärken ihn und trösten ihn, wenn es nötig ist (oder ärgern uns auch mal im Stillen über einen Spielverlauf … ).

Die „Wisch-und-weg-Generation“

Doch wie sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann einmal so treffend gegenüber den Medien: „Das Leben unserer Jugend wird in einem viel höheren Maße von Instagram und TikTok beeinflusst, als das noch vor fünf, sechs Jahren der Fall war … Apps führen dazu, dass jungen Leuten heutzutage die Gabe fehlt, stetig an etwas zu arbeiten. Sie starren ins Handy, werden mit … Reizüberflutung konfrontiert, sodass sie wahnsinnig schnell ein Gefühl von Langeweile entwickeln. Sobald sie ein Video nicht mehr interessiert, wischen sie es weg … Unsere Kinder rutschen in eine Wisch-und-weg-Generation – mit einer sich stetig verkürzenden Begeisterungsfähigkeit.“

Was so eine Mediensucht bei Kindern wirklich ausmacht, erklären wir hier.

Lektion: Hinfallen und wieder aufstehen

Vergangene Zeiten, in denen Kindern ein Ball und eine Hauswand genügten, um sich stundenlang zu beschäftigen … und ich freue mich, dass unser Kind sich so voller Hingabe und Begeisterung seinem Sport widmen kann – trotz regelmäßiger „Medienzeit“ mit Tablet und Konsole, denn davor sind auch wir nicht verschont geblieben. Doch: „Wenn ihr schon ins Handy starrt, dann guckt euch … Kimmich an, wie er schreit und brüllt und kämpft und niemals nachlässt.“

Aus Sicht von Julian Nagelsmann ist der Bayern-Star „das Paradebeispiel für Willen und Leidenschaft … Sein Elixier ist der Sieg.“ Sich anstrengen, ein paar „Arschtritte“ einheimsen, auch mal hinfallen – und dann wieder aufstehen? Eine gute Lektion, die man beim Spiel mit dem runden Leder lernen kann.

: Bis zum Grundschul-Alter

Keinen Honig ums Maul

Ich möchte meinem Sohn keinen Honig ums Mundwerk schmieren und ihm erzählen, wie total geil Profi-Fußball wäre. Denn das stimmt nicht ganz. Ich sage ihm also: „Profi-Fußball ist hart, richtig hart – neben vielen tollen Momenten gibt es auch solche, die absolut scheiße sind. Aber am Ende lohnt es sich, wenn man wieder aufsteht und weiter macht. Du kannst es versuchen, arbeite dafür.“

Ich erinnere ihn daran, dass er auch zur Schule gehen, Hausaufgaben machen und anderen (Freizeit-)Aktivitäten nachgehen wird … Wenig Zeit – wofür auch immer – bleibt am Ende, wenn er ohnehin schon viele Stunde auf dem Platz oder in der Halle verbringt. (Ob er das wirklich so wollen wird?)

Aus Lust an der Freude

Ich finde: Fußball sollte vor allem eines bereiten: Freude. Und deshalb weise ich P. auch darauf hin, dass es völlig in Ordnung ist, wenn er auch einfach nur Hobbyspieler sein möchte. Toni Kroos sagte dazu übrigens einmal Folgendes zu Nachwuchskickern: „Das A und O in meinen Augen ist, dass ihr immer in Erinnerung behaltet, warum ihr ursprünglich mit dem Fußball angefangen habt – und das ist der Spaß … Wir alle hier haben ja nicht angefangen Fußball zu spielen, weil wir das beruflich machen wollten, sondern weil wir einfach verdammt viel Lust darauf hatten. Mit sechs, sieben, acht Jahren habe ich nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, wie sich Fußball anfühlt oder was er für mich bedeutet. Es war einfach nur ein überragendes Spiel und hat mich erfüllt. Und dieses Gefühl darf – ganz gleich in welcher Altersklasse und auf welchem Leistungsniveau – nie verloren gehen … Ich habe für mich festgelegt: Wenn ich keinen Spaß mehr an dem Spiel habe, dann höre ich auf. Auch aus Respekt dem Fußball gegenüber, weil er mir echt viel gegeben hat.“ Ein weiser Mann.