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„Ihr seid so dumm“ – Wie radikale Sprache jeglichen Dialog zerstört

Es gibt Themen, die sind einfach von Natur aus nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Das Thema Schwangerschaftsabbruch gehört mit Sicherheit dazu. Die Debatte beim Juso-Bundeskongress über die Streichung der Paragrafen 218-219b zeigt aber vor allem eines: Radikale Sprache zerstört jeglichen Dialog.

Radikale Sprache zerstört jeglichen Dialog
Radikale Sprache zerstört jeglichen Dialog
© Bigstock/ Aaron Amat

Die Hintergründe zur Debatte über die Streichung der Paragrafen 218-219b auf dem Juso-Bundeskongress vom 30. November bis zum 2. Dezember in Düsseldorf liest du hier: „Abtreibung bis zum 9. Monat? Jusos verwirren mit Kongressbeschluss“

 

Ein Kommentar

Frauen, die in Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch wollen, haben es nicht einfach. Informationen im Netz sind vergleichsweise dünn gesät und die soziale Stigmatisierung ist hoch. Faktisch ist der Eingriff in Deutschland illegal – mit bestimmten Ausnahmeregelungen und einer Fristenlösung, nämlich der 12. Schwangerschaftswoche (SSW). Ob eine Anhebung der Frist auf die 22. SSW Frauen helfen könnte, ihre Entscheidung besser treffen zu können, kann man diskutieren. Auch ob die Aufhebung des sogenannten „Werbeverbots“ Ärzten und Ärztinnen helfen könnte, Patientinnen besser zu informieren, kann man diskutieren. Und all das sollte man diskutieren! Was man aber in dieser Diskussion nicht sollte: In einem radikalen Rundumschlag alle Nicht-Gleichgesinnten komplett niederzubügeln.

„Ihr seid so unfassbar dumm!“

Auf dem Juso Bundeskongress wurde viel diskutiert. Es wurden Argumente und Ethik abgewogen, gefragt, ab wann Leben beginnt und wie man schützenswertes Leben und die Selbstbestimmung der Frau vereinen kann. Und dann wurde geschossen. Sabrina Simmons (Jusos Berlin) hatte eine Meinung, aber nicht irgendeine! Sie hatte DIE RICHTIGE EINZIGE Meinung. Wie sie es geschafft hat ins Auge der unantastbaren Wahrheit zu schauen? Ganz einfach: Sie hat jeden, der nicht ihrer Meinung war, diffamiert und niedergebrüllt.

Ihren Wirbelsturm an Wahrheitsgesang beginnt sie daher gleich mit einem Beschuss auf ihre Parteifreunde: „Ich hab‘ mich grade bei den letzten paar Beiträgen gefragt, ob wir bei den Jusos oder auf dem Deutschlandtag sind.“ Zweifel an ihrer Meinung? Rechter Stempel! Es macht sich im Zuhörer eine ähnliche Ratlosigkeit breit, wie wenn Rechte von „linksversifften Gutmenschen“ sprechen. Das sind keine Argumente. Beleidigung ist kein angemessenes Rhetorikelement in einer Demokratie.

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Wo fängt Leben an?

Ihre Wut geht weiter und so appelliert Simmons mit dramatischer Mine, dass es doch nicht der Ernst ihrer Genossen sein könne, bei diesem Thema „so eine pathetische Rhetorik an den Tag zu legen.“ Pathetik, das ist für sie die Frage „Wo fängt Leben an?“, die ihre Vorredner gestellt haben. Sie zu beantworten, kein Leichtes und überhaupt, wie kann man eine Frage, die von Philosophie, Religion, Ethik und Medizin immer wieder diskutiert wird, „unpathetisch“ stellen? Simmons hat darauf eine Antwort: Man stellt sie einfach gar nicht. Statt dessen brüllt sie in den Raum: „Ihr seid so dumm, dass ihr da den CDU-Leuten so Argumentationen gebt, das ist unfassbar.“

Klar ist: Es ist ein kompliziertes Thema, dass hier diskutiert wird. Und so ist es durchaus möglich, dass sich auch innerhalb der Jusos mancher im Kern eher einer konservativen Meinung anschließt, die man eher aus Reihen der CDU kennt. Aber macht das das Thema weniger würdig, diskutiert zu werden?

Dass sie das Menschenrecht der Frau über das eines Fötus stellt – da kann man anderer Meinung sein

Die Jusos haben den Antrag auf ersatzlose Streichung der Paragrafen 218-219b angenommen. Und was ist passiert? Der rechte Wirbelsturm an Wahrheitsgesang brach über Sabrina Simmons nieder. Beatrix von Storch (AfD) etwa nennt die Jusos eine „Babymörderfraktion“. Im Internet bekommt Simmons Morddrohungen und der ganze Parteitag wird auf einen Satz verkürzt: „Die Jusos wollen Babys töten.“ Dass das natürlich Quatsch ist, und dass auch Frau Simmons nicht im Kreissaal mit einem Messer wüten will, ist eigentlich klar. Doch darum geht es schon lang nicht mehr. Und daran ist auch (aber natürlich nicht nur) Simmons selbst schuld, wenn sie Meinungsgegner als „unfassbar dumm“ bezeichnet. Dass sie das Menschenrecht der Frau über das eines Fötus stellt – da kann und sollte man vielleicht anderer Meinung sein. Und dann sollte man auch seine Meinung sagen dürfen. Und zwar ohne als „lächerlich“ beschimpft zu werden.

„Es mag naiv gewesen sein.“

Kevin Kühnert, der Vorsitzende der Jusos, bezieht im Handelsblatt zu der Kritik an dem Antrag Stellung: „Es mag naiv von uns gewesen sein zu glauben, man könne die Zurücknahme der geltenden Regeln fordern, ohne gleichzeitig einen konkreten Vorschlag zu unterbreiten, wie diese künftig aussehen sollen. Diesen Vorwurf lasse ich gelten. Uns ging es darum, in einer sensiblen ethischen Frage klar Position zu beziehen und gleichzeitig Raum für die notwendige Diskussion zu bieten. Das ist gescheitert, weil die politische Rechte mit widerlichsten Methoden reagiert hat. Desinformation wurde betrieben, private Telefonnummern wurden zur Einschüchterung veröffentlicht, vereinzelte Morddrohungen liefen auf. Das sind also die Methoden von Leuten, die vorgeben, den Schutz des Lebens im Sinn zu haben. Es ist ein erbärmlicher Offenbarungseid.“

Er mag Recht haben. Ein Gesetz zu streichen, ohne einen Plan B zu haben – das kann man mit Fug und Recht als naiv bezeichnen. Dass eine wichtige Debatte über Frauen und ihre Selbstbestimmung und Ungeborene und ihr Recht auf Leben von vielen reißerisch auf „Jusos wollen Babys töten!“ reduziert wurde, ist nicht nur dem naiven Versäumnis nach einer Regelung der Fristenlösung zuzuschreiben. Es ist auch Menschen wie Simmons zuzuschreiben, die keine Diskussion zulassen. Dadurch wird weder das Thema einfacher, noch können ethische Fragen besser geklärt werden. Wir brauchen Platz für Diskussionen. Denn die Paragraphen 218 und 219 werden nicht die letzten Fragen sein, die man nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten kann.

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