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Leben in Spanien: Warum wir uns dazu entschlossen haben, in Zeiten von Covid-19 nicht nach Deutschland zurückzukehren

Wir wohnen mittlerweile seit einem Jahr in Barcelona und lieben es. Die Stadt ist voller Leben. Die Straßen sind bedeckt mit lachenden, fröhlichen Menschen, die draußen am Plaza sitzen, ihren Kaffee trinken und die Sonne genießen. Kinder spielen mit einem Ball oder malen mit Kreide auf dem Boden. Ja, wir haben hier unser Herz gelassen. Barcelona erfüllt uns mit Lebensfreude. Unsere zweijährige Tochter spricht mittlerweile mehr Spanisch als ihre Eltern zusammen. Hier ist unser zu Hause. Umso schwieriger fällt uns die Entscheidung, ob wir aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus nach Deutschland zu unseren Familien zurückzukehren oder in Barcelona bleiben sollten.

Schwere Entscheidung: Zurück nach Deutschland oder in Spanien bleiben?
Schwere Entscheidung: Zurück nach Deutschland oder in Spanien bleiben?
© Philine Matzen

Die Situation in Spanien wurde unterschätzt

Als das Coronavirus ausgebrochen ist, hatte sich in Spanien zunächst nicht viel verändert. Bis vor 27 Tagen waren Bahnen und die Innenstadt brechend voll. Menschen trugen weder Einweghandschuhe noch Masken. Veranstaltungen wurden wie geplant durchgeführt und an sonnigen Tagen waren die Strände überfüllt von Menschen. Was wir hier zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen ist, dass sich das Virus schon längst verbreitet hat und deshalb eine Ausgangssperre folgt. Vor knapp einem Monat, also kurz vor der offiziellen Ausgangssperre in Spanien, hätten wir uns nie erträumen lassen, dass Quarantäne zur Realität wird. Was ich über China und Italien in den Nachrichten lese, ist fernab von meinem Vorstellungsvermögen. Am 14. März wird offiziell eine 15-tägige Ausgangssperre verhängt. Mit dieser Ausgangssperre darf das Zuhause nur noch für Einkäufe, Apothekenbesuche und lebensnotwendige Arbeit verlassen werden. Wenn man in diesen Tagen Besitzer eines Hundes ist, hat man absolutes Glück und darf eine kleine Runde spazieren gehen.

Plötzlich eine neue Routine

Die Nachricht trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Verzweifelt schreibe ich in die “Barcelona Mom squad” WhatsApp-Gruppe. Da wird schon längst geschrieben, dass die Ausgangssperre sicherlich nicht bei 15 Tagen bleiben wird. Einem Mutterinstinkt macht so schnell niemand etwas vor und somit wissen wir nach bereits einer Woche, dass die Ausgangssperre auf 15 weitere Tage verlängert wird. Schweißperlen fließen. In den ersten 15 Tagen habe ich nämlich so gut wie nichts hinbekommen. Wir haben innerhalb dieser Tage nicht nur unsere Nerven, sondern auch unsere Routine und unseren Schlafrhythmus verloren. Plötzlich schlafen wir gleichzeitig mit unserer Tochter gegen 23 Uhr ein. Der Tag fängt um 11 Uhr an, während der eine versucht, seinen Tag mit einem Workout zu starten, malt der andere die zehnte Blume und Sonne auf ein Stück Papier. Zeitgleich stehen wir unter der strengen Beobachtung unserer Tochter.

Coro-was? Wenn Töchterchen die Welt nicht mehr versteht

Aber auch unsere Tochter hat mittlerweile die Geduld verloren. Immer wieder steht sie mit angezogenen Schuhen und mit Jacke in der Hand vor der Haustür und möchte nach draußen. Meine Blicke fangen ihre auf und ich nehme sie an die Hand und wir kehren zurück. Zurück ins Wohnzimmer, was mittlerweile zum Kinderzimmer, Trainingsraum und Arbeitszimmer umfunktioniert wurde. Wie erklärt man einem zweijährigen Kind, weshalb man nicht raus darf? Coro-was? Wir verzichten mit der Ausgangssperre auf jegliche Möglichkeiten nach draußen zu dürfen. Keine Spaziergänge, kein Strand, keine Parks, nicht einmal eine Runde um das Gebäude darf gedreht werden. Verdeckte Polizisten fahren Streife und halten Menschen an, die auffallend umherlaufen. Langsam schleicht sich der Gedanke ein, ob wir nicht doch zurück nach Deutschland sollten.

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Medizinische Versorgung in Spanien ruft Schrecken hervor

Bereits nach kurzer Zeit steht fest, dass die Krankenhäuser überfüllt sind und die medizinischen Geräte nicht ausreichen. Die Zahl der Toten und Infizierten schießen täglich in die Höhe. Ich erfahre aus zweiter Hand, dass Tests nur noch an ältere Patienten mit starkem Fieber durchgeführt werden. Zwei meiner Freundinnen sind schwanger und erwarten ihr zweites Kind. Eine davon erwartet ihr Kind schon in wenigen Wochen. Die Zeit rückt näher und sie denkt über eine Hausgeburt nach, da die Angst der Ansteckungsgefahr im Krankenhaus sehr hoch ist. Wenn es zu einem Kaiserschnitt kommt, darf der Vater nicht dabei sein. Zugegeben, wir haben nur noch wenig Vertrauen in das spanische Gesundheitssystem. Auch wenn das Virus Kinder und junge Erwachsene seltener angreift, war es uns wichtig im Ernstfall wenigstens die Möglichkeit auf medizinische Versorgung zu haben und die hätten wir in Deutschland. Hoffentlich.

Auf geht’s nach Deutschland zur Großfamilie

Zurück nach Deutschland bedeutet aber auch, dass wir zu unserer Familie müssen. Auf den ersten Blick erscheint das schön. Denn zu Hause muss ich mich weder um den Haushalt noch um das Essen kümmern. Das Kind wird von Oma und Opa unterhalten und ich kann in Ruhe meine Masterarbeit schreiben. Die Spaziergänge, die in Deutschland erlaubt sind, klingen nach einem absoluten Traum. Außerdem sollte eine Familie in solchen Zeiten zusammenrücken. Hallo Hotel Mama!
Während ich den Gedanken mehrmals durchspiele, kommen jedoch Zweifel auf. Was ist, wenn wir das Virus haben und asymptomatisch sind? Wir können das Risiko nicht eingehen, jemanden anzustecken oder auf dem Weg nach Deutschland angesteckt zu werden. Es heißt ja nicht umsonst “Bitte bleibt zu Hause”.

Überforderung und Langeweile

Wir haben mittlerweile 27 Tage von insgesamt 45 Tagen geschafft. Der berühmte 20 Uhr Applaus für die medizinischen Fachkräfte und Versorgung fällt mittlerweile eher spärlich aus. Auf den Balkonen laufen die Menschen auf und ab, die Nachbarskinder höre ich die Treppe im Hausflur immer wieder hoch und runter rennen. Langsam liegen die Nerven blank. Erschöpft vom fünfstündigen Spielen und Malen mit meiner Tochter stelle ich fest, dass lediglich 20 Minuten vergangen sind. Es ist wieder so ein Tag an dem ich nicht weiß, welchen Wochentag wir haben.

#WirbleibenZuhause

Ich habe mittlerweile so ziemlich jedes Kinderspiel zum Selberbasteln von Pinterest kopiert und bin ideenlos. Wie sehr ich mich nach einem Mittagsschlaf sehne oder einem Spaziergang in der Natur. Wieder kommt die Frage auf: Sollen oder sollen wir nicht nach Deutschland fliegen? Letzten Endes gibt es viele Gründe, den Rückweg nach Deutschland anzutreten und nur wenige, es nicht zu tun. Aber es gibt zwei ausschlaggebenden Gründe. Denn dies ist nicht nur das Zuhause von mir und meinem Freund, sondern vor allem das zu Hause unserer Tochter, die sich in diesen vier Wänden pudelwohl fühlt. Wir befürchten, dass wir mit einem Umgebungswandel auf unbestimmte Zeit unserer Tochter zusätzlichen Stress aussetzen. Außerdem können wir unseren Beitrag zur aktuellen Situation nur leisten, indem wir zu Hause bleiben. Also beißen wir auf die Zähne und halten die nächsten Wochen durch. Denn wir bleiben zu Hause, zum Wohle aller #stayhome.

Autorin: Philine Matzen