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„Mama, warum weinst Du?“

Dürfen Eltern eigentlich vor ihren Kindern weinen? Oder sollte man seine Tränen lieber vor den Kleinen verbergen, um sie nicht zu verstören? Unsere Autorin Anja Polaszewski meint: bitte authentisch bleiben: Die Kleinen spüren so oder so, wenn mit Mama oder Papa etwas nicht stimmt.

Sollte man seine Tränen lieber vor den Kleinen verbergen, um sie nicht zu verstören?
Sollte man seine Tränen lieber vor den Kleinen verbergen, um sie nicht zu verstören?
© Pexels/ Juan Pablo Serrano Arenas

Alles in Ordnung?

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich als kleines Mädchen einmal in das Schlafzimmer meiner Eltern kam und meine Mutter auf dem Bett sitzend und weinend vorfand. Daran, wie sie erschrocken aufsprang, sich rasch die Tränen abwischte und mich aus dem Stehgreif heraus wie eine Schauspielerin anlächelte. Auf die Frage „Warum weinst Du, Mama?“ antwortete sie nur mit brüchiger Stimme und feuchten Augen: „Es ist nichts weiter, alles in Ordnung, Süße.“

Ich war vielleicht acht Jahre alt und sah und spürte sehr deutlich: Nein, das ist es nicht. Es ist eben nicht alles in Ordnung. Mama lügt; sie ist traurig. Und in diesem Moment hätte ich nur zu gern gewusst, ob ich ihr helfen oder sie vielleicht trösten kann. Oder ob ich sogar der Ursprung ihrer Tränen war.

Seit ich selbst Kinder habe, weiß ich, warum sie damals mit der Wahrheit hinter dem Berg hielt: Sie wollte mich schützen; es war nur gut gemeint. Sie wollte mir ein möglichst perfektes Vorbild sein und deshalb wohl keine Schwächen zeigen. Leider bewirkte dieses Versteckspiel nur, dass ich oft dachte, ich hätte etwas falsch gemacht …

Lass es raus

Wenn Du traurig oder erschöpft bist und Dir nach Weinen zumute ist: Tu es einfach, lass alles raus. Ruhig auch vor Deinem Kind; es wird keinen Schaden daran nehmen. Gefühle zeigen ist wichtig und außerdem sowieso unvermeidbar. Es zeigt Deinem Kind, dass auch Du nur ein Mensch bist, der einmal traurig oder wütend oder verzweifelt ist und nicht immer nur stark sein kann. Und dass es völlig in Ordnung ist, eben kein Superheld zu sein. Du bist keine Maschine, die immer nur funktioniert, bis sie eines Tages versagt.

Mir persönlich ist dann aber ganz wichtig, dass ich hinterher – oder schon während des Weinens – erkläre, warum mir die Tränen flossen oder gerade fließen, damit meine Kinder keine falschen Schlüsse daraus ziehen. Meist lassen mich die Jungs dann sogar von sich aus zur Ruhe kommen, indem sie sich etwas zum Spielen suchen. Mein Sechsjähriger gibt mir auch schon mal einen Luftkuss, bevor er leise die Tür schließt und lächelt mir aufmunternd zu. Er weiß inzwischen ja: Mama weint eben manchmal, so wie ich auch.

Dieses tolle, menschliche Verhalten meines Erstklässlers gibt mir in solchen Momenten unglaublich viel Kraft – und eine ordentliche Portion „Erwachsenengeborgenheit“. Und ich weiß: Aha, authentisch sein tut gut und fühlt sich besser an.

Tränen der Trauer – und der Freude!

Ist nach dem Weinen „alles wieder gut“ (ja, ich weiß, alles ist nie gut): Sage Deinem Kind vor allem auch das. Es ist wieder in Ordnung. Und falls es das noch nicht ist, sieht die Welt nach dem Sturm aber doch vielleicht zumindest wieder ein wenig anders aus und der „Sorgenberg“ ist eventuell nur noch ein Hügelchen. 😉

Neulich spielten meine Söhne im Kinderzimmer mit ihren Autos. Ich betrachtete die neugierigen, wachen Gesichter, lauschte ein Weilchen ihrem Dialog und musste plötzlich weinen. Aus tiefer Liebe zu meinen wunderbaren Kids und aus Dankbarkeit. „Was ist los, Mama, warum weinst Du?“, fragte mich dann mein Dreijähriger. Wie erklärt man so einem Knirps: vor Freude? Indem man es einfach tut. Seine Mimik werde ich wohl nie vergessen: Stirnrunzeln, eine Mischung aus Erstaunen, Unverständnis und Rührung – alles auf nur einem einzigen Gesicht.

Tja, Kinder können eben noch viel besser Gefühle zeigen als wir Erwachsenen.