"Und auf einmal war mein Kind spurlos verschwunden!"

„Und auf einmal war mein Kind spurlos verschwunden!“

Mama Barbara ist von dem leiblichen Vater ihres Sohnes Florian (12) getrennt. Eigentlich dachte sie, dass sie eine gute Regelung gefunden hätte – doch dann eskaliert die Situation und ihr Sohn ist auf einmal spurlos verschwunden. Hier erzählt sie davon.

Frau hat Panik auf einer Straße
"Florian, wo bist du?" Mama Barbara erlebte den Horror jedes Elternteils. © Bigstock / TeroVesalainen

Florian ist jetzt 12 Jahre alt. Er ist ein fröhlicher Junge, der gelernt hat sich in seiner Entwicklung anzupassen. Ich weiß, das Wörtchen „anpassen“ hört sich etwas gezwungen, gedrungen und so rein gar nicht kindgerecht an. Und das stimmt auch. Wir, seine Eltern, machen es Flo momentan nicht gerade leicht.

Flo war gerade sieben, als ich mich von seinem leiblichen Vater trennte. Irgendwie passte es nicht mehr und ich wollte, wenn ich ehrlich war, etwas ganz komplett Neues – und das war Frank. Frank war immer gut gelaunt und Flo mochte ihn von Anfang an. Die erste Zeit verlief harmonisch. Florians richtiger Papa und ich einigten uns darauf, dass wir Florian abwechselnd betreuen. Das bedeutete: Mein Ex-Partner Bernd umsorgte Florian eine Woche, und in der nächsten Woche war ich dann wieder an der Reihe. Es schien eine gute, vor allem vernünftige Lösung zu sein, denn wenn wir eins nicht wollten, dann war es Flo zu belasten oder gar leiden zu sehen. Gesagt getan. Für die Großeltern von Flo galten ähnliche Regeln und so kamen wir drei Jahre recht gut mit der neuen Lebenssituation klar. Doch dann wendete sich das Blatt und der blanke Horror begann.

Mein Ex-Partner war plötzlich wieder Single und Flo sollte ihm Gesellschaft leisten

Es war kurz nach Florians 10. Geburtstag. Das Telefon klingelte und ich sah bereits schon an der eingeblendeten Nummer, wer der Anrufer war. „Hallo grüß dich. Sag mal, macht es dir etwas aus, wenn wir ab jetzt eine andere Regelung treffen bezüglich Flo und den Besuchen?“

Mein Ex fiel sozusagen ohne Vorwarnung direkt mit der Tür ins Haus.

„Warum?“, wollte ich wissen. „Du hast ihn jetzt schon über eine Woche. Eigentlich wäre ich schon gestern dran gewesen. Also was soll das? Flo ist kein Spielzeug, das sich hin- und herschieben lässt. Ich finde, es ist alles gut so wie es ist und so darf es auch bleiben. Und nun bring mir unseren Sohn zurück und zwar pronto!“ Ich legte etwas irritiert und verärgert auf und machte mir schon da Gedanken, wie es nun weitergehen sollte.

Es dauerte noch keine halbe Stunde, da riefen meine Ex-Schwiegereltern an. Wie ich mir das rausnehmen könnte, schließlich wäre Flo ja nicht nur mein Kind. Ich sollte doch mal an andere denken. Ihr Sohn wäre momentan in einer großen Krise und das Kind, wie sie Flo kühl nannten, wäre sein einziger Halt. Jedenfalls momentan. Flo könnte doch ganz bei meinem Ex wohnen. Ich hätte ja sowieso mit dem Job viel um die Ohren und zudem hätte ich ja Glück mit meinem jetzigen Partner. „Zeug doch mit deinem Neuen ein Kind. Dann kann Flo ganz zu Bernd!“

Ich traute meinen Ohren kaum. „Ihr seid doch alle nicht mehr ganz bei Sinnen. Ich lasse nicht zu, dass Flo in tausend Stücke zerrissen wird. Mein Ex soll den Frust seiner Einsamkeit bitte woanders heilen. Flo ist ein Kind, das seine Kindheit genießen soll.“ Das Gespräch brach abrupt ab. Später klingelte es an der Tür und Florian stand allein vor der Tür. Mein Ex saß im Auto, das er vor dem Haus geparkt hatte. Starre Mine. Ich war frustriert!

Flo wurde immer trauriger – und dann passierte es

Danach hagelte es Telefonate. Mal waren es meine Eltern, die nun auch mit in den Krieg einstiegen. „Bring Florian zu uns. Muss ja keiner wissen. Dann ist er vor dieser Alptraum-Plage sicher“.  Mal war es mein Ex, der seine blühende Fantasie spielen ließ, um Florian so lange wie möglich bei sich zu behalten. Und auch seine Eltern gaben mächtig Gas und drohten mir in einem unpersönlichen Schreiben mit dem Anwalt. Ich war verzweifelt. Ich konnte nicht mehr schlafen. Mein Partner meinte, wir sollten in den kommenden Schulferien mit Florian einfach mal ans Meer fahren. Die Situation bräuchte eine Entspannung.

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Wohl wahr, aber Florian fing an zu weinen, als wir ihm von unserer Urlaubsplanung erzählten. „Papa sagte, dass er bald mit mir durchbrennt. Er wird uns verfolgen und mich finden. Ich habe so Angst, Mama! Ich hab euch doch beide so lieb. Kann es denn nicht wieder wie früher sein?“

Flo hatte so recht. Was taten wir alle Florian nur an. Flo versuchte es jedem Recht zu machen und fing schon fast an sich wie ein Erwachsener zu benehmen. Er spielte kaum noch, bekam Ärger in der Schule und wurde sogar aggressiv. Das konnte nicht gesund sein. Seine kleine Seele rebellierte und mir brach es das Mutterherz, seine Verwandlung mit anzusehen.

Und dann, eines Morgens. Flo machte sich auf den Weg zur Schule und kehrte nicht zurück.

Wo ist mein Sohn?

Es war 17 Uhr und Flo war noch nicht von der Schule zurück. Laut Aussage seiner Mitschüler und der Schule selbst, fehlte er den ganzen Tag. Ich rief meinen Ex an: „Das ist alles deine Schuld!“, herrschte ich Bernd an. „Du und dein Gewimmer. Was kann der Junge dafür, dass du ein Loser bist und es keine Frau länger als ein Jahr bei dir aushält!“ Ich ging unter die Gürtellinie, doch das störte mich nicht. Ich war verzweifelt, am Boden zerstört und hatte schreckliche Angst, dass Flo etwas zugestoßen sein könnte.

Bernd flippte aus „Hattest du dich nicht von mir getrennt, wären wir heute noch eine glückliche Familie und Flo hätte nicht so eine Pappnase als Ersatzpapi. Ich bin Florians leiblicher Vater, verstehst du. Und ich habe Rechte!“ „Rechte? Du hast Flo vertrieben und deine ach so glorreichen Eltern hielten dir auch noch die Stange dabei!“

Dann fand ich den Brief

Was nutzten all die Beschimpfungen. Sie brachten Flo für den Moment nicht wieder. Müde und total aufgelöst wanderte ich durch Flos Kinderzimmer. Alles schien wie immer zu sein. Bis auf das Stück Papier auf seinem Schreibtisch. Es war ein Brief an alle, die ihm das Leben momentan zur Hölle machten.

„Liebe Familie, ich bin dann mal weg. Ihr könnt nun streiten und weiter versuchen über meinen Aufenthalt zu bestimmen. Ich mach nicht mehr mit. Ich habe euch alle, Papa, Mama, beide Großelternteile und auch Mamas Partner total lieb, aber ich habe gemerkt, dass es nicht genug Stücke von mir gibt. Versteht ihr. Ich bin dann lieber allein. Sucht mich bitte nicht. Ich komme schon klar. Flo.“

Ich las die Zeilen immer und immer wieder durch und sah mich erneut ängstlich in seinem Zimmer um. Was hatte Flo mitgenommen. Nichts? Das konnte doch nicht wahr sein. Ich lief raus auf die Straße, in Hausschuhe, es war mir egal. Ich rief Flos Namen, klingelte an jeder Haustür und hoffte durch Zufall auf Flo zu treffen. Schließlich landete ich bei der Polizei. Ich schämte mich, als ich Flos Brief vorzeigte. Ich erntete verständnisloses Kopfschütteln und wurde mit der Bemerkung „Der Junge wird schon bald wieder nach Hause kommen“ heimgeschickt. Sollte er weiterhin verschwunden bleiben, dürfte ich mich gerne wieder melden.

Mein Weg führte mich zur Kirche

Ich wusste nicht mehr weiter. Die Familie, nun komplett zerstritten, dachte gar nicht daran, in solch einer schlimmen Situation zusammen zu halten. Ganz im Gegenteil. Es ging fröhlich weiter. Ich wollte nur noch raus. Luft atmen und wieder klare Gedanken fassen kann und ging zum ersten Mal seit über 10 Jahren in die Kirche. Ich wollte eine Kerze der Hoffnung für Flo anzünden, zu Gott beten, dass er unseren Sohn gesund wiederbringt, mich dafür entschuldigen, dass ich mich in den Zoff um unseren Jungen mit hineinziehen ließ und, und, und.

Als ich die dunkle Kirche betrat wurde mir etwas wärmer ums Herz. Ich schritt leise auf den Altar zu und dachte voller Liebe an Flo. Nachdem ich eine Kerze entzündete nahm ich in einer der vordersten Bänke Platz und da niemand außer mir in der Kirche war, fing ich an laut zu beten. Als ich an der Stelle ankam, wo ich selbst mein eigenes Leben für das meines Sohnes geben wollte, hörte vernahm ich ein lautes Schluchzen. Eine Hand berührte sanft die meine. Ich schaute auf und sah Florian. „Mama, ich hab dich so lieb!“. Wir fielen uns in die Arme. „Alles wird gut Flo. Alles wird gut. Das verspreche ich dir. Bitte lauf nie wieder fort!“

Florian darf seinen Weg gehen – ohne Gezerre!

Florian hatte genau wie ich in seiner Verzweiflung die Kirche aufgesucht. Wir mussten gemeinsam Frieden finden und das taten wir auch. Zu Hause angekommen informierte ich die ganze Familie über Flos Rückkehr. Ich bat alle an einen Tisch. Und sie kamen. Florian sprach sich sein Leid von der Seele, machte alle Beteiligten klar, was geht und was nicht. Ich war so schrecklich stolz auf ihn. Wir alle waren gerührt, geschockt und froh zugleich und gelobten nach dieser Tragödie Besserung.

Florian gehört sich selbst. Er darf seinen Weg gehen, ohne dass man an ihm rumzerrt. Den Stein der Erlösung und unendlichen Erleichterung kannst du bestimmt plumpsen hören. Unsere Herzen sind wieder frei. Frei für gemeinsame Wege und mehr Verständnis – für ein gesundes Miteinander!