„Meine Eltern pfuschen uns in unser Leben rein!“

„Meine Eltern pfuschen uns in unser Leben rein!“

Mama Barbara Reichert hatte schon immer eine komplizierte Beziehung zu ihren Eltern. Doch als ihr Sohn fünf Jahre alt wurde, änderte sich auf einmal alles schlagartig. Hier erzählt sie ganz persönlich und offen von ihrer anstrengenden Zeit und wie sie eine schwere Entscheidung treffen musste – die sie bis heute beschäftigt.

Frau weint vor einem Bett
"Erst haben sie sich gar nicht gekümmert und jetzt das!" Mama Barbara Reichert verzweifelt über ihren Eltern. © Unsplash / Claudia

Ich habe meine Eltern nicht viel gesehen…

Es ist doch immer wieder erstaunlich. Je älter Leute werden, desto mehr meinen sie, dass gerade ihre Ratschläge und Gedankengänge Gold wert sind. Gut, ich übertreibe vielleicht ein wenig, aber, was ich in letzter Zeit so miterlebe, lässt mir persönlich das Blut in den Adern gefrieren. Eigentlich war die Beziehung zu meinen Eltern nie „groß“. Ich wuchs bei meinen Großeltern auf, weil Mami und Papi zu jung und zu vergnügungssüchtig waren.

Ich sah meine leiblichen Eltern als Baby und Kleinkind fast nie. Später sah ich sie manchmal spät abends, wenn sie nach der Arbeit zu meinen Großeltern zum Abendessen kamen. Als ich fünf war, fuhr ich zum ersten Mal alleine mit meinen Eltern in den Urlaub – an diese Zeit erinnere ich mit Zähneklappern. Ich hatte schreckliches Heimweh und meine Eltern eine schreckliche Wut auf mich. Wir reisten früher als geplant ab. Weitere Urlaubsreisen gab es zwar, aber es war für mich immer die reinste Tortur, denn weder wussten meine Eltern viel mit mir, noch ich mit ihnen anzufangen.

Man lebte zwar als Familie, aber eben nur nebeneinander her!

Wenn meine Oma da war, trauten sich meine Eltern nicht, sich in meine Erziehung einzumischen. Nur wenn meine Mutter mal mit mir alleine war, versuchte sie mich zu gängeln oder zu provozieren. Das war wohl ihre Art mit dem schlechten Gewissen umzugehen. Ich habe mir in meiner ganzen Kindheit immer mehr Wärme, Zuneigung und Verständnis gewünscht. Pustekuchen! All das Erhoffte bekam ich ausschließlich von Oma und Opa, denen ich bis heute dafür dankbar bin.

Als dann der Tag kam, an dem ich schwanger wurde, drehten meine Eltern durch. Es kamen vollkommen irre Vorwürfe wie: „Wie jetzt, schwanger? Wie soll denn das weitergehen? Wahrscheinlich heiratest du jetzt auch noch und lässt deine armen alten Großeltern im Stich. Aber so warst du ja schon immer!“ Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich vor Wut, Enttäuschung und Frust heulen oder laut loslachen sollte. Ich entschied mich für zweites, denn ich konnte oder wollte einfach nicht verstehen, warum sie mir das antat. Mein Vater warf mir strafende Blicke zu, schüttelte den Kopf und ging.

So sei es, dachte ich damals und zog mein Ding durch…

Glücklich verheiratet und trotzdem mega unglücklich

Natürlich besuchte ich meine Großeltern trotzdem fast täglich und auch das Verhältnis zu meinen Eltern schien sich auf Dauer zu verbessern. Man traf sich sonntags in unserer Wohnung oder bei den Großeltern zum gemeinsamen Essen. Fast könnte man sagen, es sah harmonisch aus. Doch der Schein trog!

Als mein kleiner Sohn fünf Jahre alt wurde, fragte mich meine Mutter unverhohlen, ob sie nicht besser die Erziehung ab jetzt übernehmen sollte. Sie ginge jetzt eh in Vorruhestand und da sie so rein gar nichts von mir gehabt hätte, wäre dies doch nun ein fairer Ausgleich.

Ich glaube, ich habe angesehen, als wäre sie ein Gespenst. Jedenfalls merkte ich, wie plötzlich der Boden unter mir schwankte und meine Beine zu zittern begangen. „Nein danke!“, erwiderte ich mit gebrochener Stimme. „Mein Kind erziehe immer noch ich und mein Partner und nicht du. Du weißt doch überhaupt nicht, wie man mit einem Kind umgeht, geschweige denn, was ein Kind braucht!“

Meine Mutter rief sogleich meinen Vater und beschwerte sich lautstark über mein Verhalten. Mein Vater verlangte eine Entschuldigung, die er von mir nicht bekam. Warum auch?

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Ich erzählte meinem Partner von diesem Gespräch. Er sah mich ernst an und meinte: „Lass sie reden. Die geben sich wieder von selbst. Vergiss diesen dummen Vorschlag deiner Mutter. Wir, du, ich und unser Sohn gehören zusammen. Und du bist eine gute Mutter!“ Diese Bestätigung tat gut und kam zum rechten Zeitpunkt. Ich nahm mir vor, alles, was von meinen Eltern kam, einfach zu ignorieren.

Und dann, das Tollste. Meine Mutter, die nun weit über 60 war und seit Jahren weder selbst Auto gefahren ist, noch selbst einkaufen war, wollte mit meinem Sohn in den Sommerferien nach Norwegen reisen.

„Lass sie ruhig mal mit ihren skurrilen Plänen baden gehen!

Ich blieb ihr die Antwort auf diese geistreiche Idee, sie allein auf Urlaubsreise mit unserem Sohn zu schicken, absichtlich schuldig. Ich war einfach nur baff! Zornig erzählte ich meinem Partner und meinen Großeltern von Mamas Plänen. Alle lachten herzlich, nur ich weinte. „Stell dir mal vor,“ erzählte ich meinem Ehemann, „Mutter findet, dass diese Reise Florian gut tun würde. Er sähe ja so blass aus, was ja mal wieder eine freche Anspielung auf meine in ihren Augen nicht vorhandenen Kochkünste sein sollte!“

„Beruhig dich, Schatz und sei dir sicher, unser Sohn möchte alles, nur nicht mit seiner Oma verreisen!“, tröstete mein Partner mich.

„Weißt du, ich möchte ja, dass sich unser Sohn gut mit seinen Großeltern versteht. Und auch ich wünschte, meine Eltern – vor allem meine Mutter -wäre nur halb so stressig!“

„Lass sie doch mal machen!“

„Lass sie doch mal machen, anstatt herum zu wettern“, riet mir mein Mann. „Sie machen lassen? Ja, bist du denn des Wahnsinns? Ich könnte kein Auge mehr zumachen!“ Nein, ich konnte mir nicht vorstellen, dass das gut geht.

„Ich verrate dir mal ein kleines Geheimnis: Schwiegermama zieht das eh nicht durch. In letzter Minute macht sie den Rückzug. Wetten? Lass sie ruhig auflaufen und sei du die Gönnerhafte. Ich denke dann lernt sie ihre Lektion.“

Tue ich das Richtige?

Nun stehe ich da und weiß nicht, ob ich wirklich das Richtige tue. Gestern habe ich meiner Mutter gesagt, dass sie gerne mit ihrem Enkel verreisen kann. Sie sah mich ungewohnt erschrocken an. Nächste Woche will sie die Reise buchen. Erste Zweifel hegt sie schon und versucht irgendein „Nein, du fährst besser doch nicht““ mit spitzen Bemerkungen aus mir herauszukitzeln. Die ganze Familie steht nun unter Strom. Alles hängt von der Vernunft meiner Eltern ab. Und was, wenn sie es durchzieht und meinem Sohn etwas passiert oder sie nach der Aktion noch biestiger ist? Wer gibt mir die Garantie, dass diese Schnapsidee im Happy End endet?