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„Eine Frage der Muttivation. Oder: Wie ich der Perfektionsfalle entkommen bin“

Wer kennt sie nicht? Diese übermotivierten Mütter. Die schon morgens Make-up tragen. Immer eine aufgeräumte Wohnung haben. Und selbstverständlich selbstgebackene Muffins zum Kitafest mitbringen. Ich war eine von ihnen. Oder wollte gerne eine sein. Warum es gut ist, dass ich es nicht geschafft habe.

Meine Motivation alles zu erreichen und alles perfekt zu machen, kam an ihre Grenzen.
Meine Motivation alles zu erreichen und alles perfekt zu machen, kam an ihre Grenzen.
Unsplash / nikko macaspac

Ich will die perfekte Mutter sein!

Eine perfekte Mutter. Die mit Leichtigkeit ihren Alltag meistert. Beruflich erfolgreich ist. Gut aussieht. Und immer frische Blumen in der Vase hat. Denn ist es nicht das, was von uns Müttern erwartet wird? Dass wir uns neben der Erziehung der Kinder natürlich auch um Haushalt, Job und am besten noch um uns selbst kümmern?

Na gut, ich war schon vor den Kindern perfektionistisch veranlagt. War ehrgeizig und bereit alles zu geben. Also war klar, dass ich meine Erwartungen nicht herunter schraube, wenn ich Mutter werde. Im Gegenteil. Kaum war meine erste Tochter ein Jahr alt, kehrte ich in meinen Job zurück. Theoretisch in Teilzeit. Ich habe Vollgas gegeben. Immer mit dem Blick auf die Uhr. Wollte selbstverständlich die gleichen Ergebnisse bringen. Eben die Leistung, die man von mir gewohnt war. Da mein Job mir Spaß machte, war das kein allzu großes Problem. Es folgte Kind Nummer Zwei. Und nach einem Jahr Elternzeit eine weitere Beförderung. Ich hatte alles erreicht. Ich war erfolgreich im  Job. Hatte zwei großartige Töchter. Einen liebevollen Ehemann. Und ein Haus mit Garten.

Ich hatte alles, außer Zeit

Ja, ich hätte vermutlich einfach genauso weiter machen können. Immer für alle da zu sein. Ob beruflich oder privat. Zwischen Spielplatz und Büro. Mit dem Handy in der Hand. Immer erreichbar. Na gut, ich war immer im Stress. Aber das gehört ja dazu oder? Schließlich muss man alles im Blick behalten. Das Kind auf der Rutsche und das Email-Postfach. Egal wo ich gerade war, eigentlich war ich gedanklich schon beim nächsten Thema. Denn ich hatte alles, außer Zeit.

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Zeit für mich selbst ohnehin nicht. Ich wollte sie mir auch nicht nehmen. Es gab Wichtigeres zu tun. Für andere. Für die Kinder, für den Chef, als Elternvertreterin und in vielen weiteren Rollen, die ich noch nebenbei erfüllen wollte. Meine Motivation alles zu erreichen und alles perfekt zu machen, kam an ihre Grenzen. Ich vergaß Dinge. Lachte anfangs darüber. Immerhin hatte ich noch kurz vor Abfahrt gemerkt, dass die Kleine keinen Schlüpfer unter ihrem Kleid hatte. Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen. Ich kam zu spät zu Verabredungen. Zu spät zur Kita. Zu spät zu Meetings. Oder ich schlief in einem ein. Hoffentlich hat es keiner gemerkt.

Schluss mit dem Wahnsinn!

Wenn der Stress abfiel, meistens im Urlaub, war ich krank. Naja, immerhin konnte ich dann wieder fit zur Arbeit. Ich hatte schließlich Verantwortung. Für Projekte. Für Mitarbeiter. Aber ich hatte keine Verantwortung für mich übernommen. Nicht auf mich geachtet. Und nachdem zuhause die Frage kam, ob der Job wichtiger sei als die Familie war klar: Es musste eine Veränderung her. Eine radikale. Wir entschieden uns für jetzt oder nie. Und es folgte ein weiteres Kind. Klingt verrückt. Aber es war die beste Entscheidung, die wir hätten treffen können.

Nicht nur, dass wir nun zu fünft sind. Die Mädels einen Bruder haben. Und mein Mann endlich Verstärkung. Nein, ich habe die Elternzeit genutzt, mich neu zu sortieren. Zeit mit den Kindern zu verbringen. Zeit Zuhause. Und ganz besonders viel Zeit für mich. Bis mir klar war, dass ich meinen Job nach jahrelanger Festanstellung kündigen muss. Um meinen Weg zu gehen. In die Selbstständigkeit. Nicht mit der Erwartung unglaublich erfolgreich zu werden. Sondern zeitlich flexibel und selbstbestimmt. Und achtsam. Denn nur durch Achtsamkeit ist mir klar geworden, dass es nicht Motivation war, sondern an Wahnsinn grenzte, was ich mir die letzten Jahre aufgelastet habe.

Also sitze ich nun hier, schreibe diesen Text, hinter mir türmt sich die Wäsche, vor mir das Geschirr. Aber es fühlt sich gut an. Denn ich bin voll muttiviert. Zum Sommerfest der Kita geht es gleich mit dem Make-Up des Vorabends und ich bringe Muffins mit. Die Guten vom Bäcker. Es ist eben auch eine Kunst, keine perfekte Mutter zu sein.

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