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Mensch ärgere dich nicht – Pädagogisch spielen oder nicht?

© Pexels / Pixabay

Gemeinsam mit den Kindern spielen, ist ein wunderbarer Zeitvertreib. Wenn da nicht die Regeln bei den Gesellschaftsspielen wären … und das Verlieren und Gewinnen.

Vom Gewinnen und Verlieren

Irgendwann in der Zeit der Rollenspiele geht es los mit dem Spielen von Gesellschaftsspielen. Die ersten Spiele sind wunderbar, weil man im Team spielt. Für mich könnte es immer bei den kooperativen Spielen bleiben. Solange wir gemeinsam Prinzessinnen aus Türmen retten, Schätze heben oder das Obst ernten, bevor der Rabe es frisst, sind alle glücklich. Wir haben zusammen ein Erfolgserlebnis oder verlieren zumindest gemeinsam.

Wir motivieren uns und halten die Spannung gut aus. (Auch wenn Sohn 2 bei einigen Spielen vor Anspannung auf einem Bein durch den Raum tanzt und nicht mehr hinschauen kann.) Nach den kooperativen Spielen kommen die „normalen“ Gesellschaftsspiele, bei denen es Verlierer und Gewinner gibt. Plötzlich kommen die großen Themen des Lebens mit dem Spiel gleich mit auf den Tisch.

Ferienzeit = Spielerundenzeit

In den Ferien machen wir Spielerunden, denn ein wetterunabhängiger Plan ist immer gut. Es gibt Snacks und alle sitzen zusammen. Jedes Kind darf ein Spiel aussuchen. Bei den schweren Spielen werden Teams gebildet, sodass die Kleinen dabei sein können. Allerdings starten wir stets mit den leichteren Spielen und oft ist nach einer halben Stunde kooperativem Spiel die Luft raus bei den Mädels. Dann stehen Kniffel, Azul, Cluedo oder das verrückte Labyrinth an. In diesen Sommerferien führe ich – mit etwas Magenschmerzen und viel Vorfreude – Monopoly ein.

: Für die nächste Spielerunde

Regeln vermitteln

Bei jedem Spiel klären wir vorab die Regeln. Das ist selbst bei den Klassikern jedes Mal sinnvoll, denn bei uns sind Regeln schnell auslegbar. Da wird rasch noch einmal gewürfelt, weil der „Schwung nicht gereicht“ hat. Je nach -tagesaktueller – Sympathie muss man jemanden rausschmeißen oder eben nicht. Die Zählweise kann beim Setzen unterschiedlich sein. Die Bedeutung von Feldern lässt sich diskutieren. … Wer kreativ mit Regeln umgeht und schummelt, hat die Regeln verstanden. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht: Das gemeinsame Spielen wird nur bedingt schöner, wenn jeder vor sich hin schummelt. Ein – kinderloser – Freund schlug mir vor, dass ich einfach mitschummeln könne. Aus der gemeinsamen Spielerunde würde so die Schummelrunde und der beste Schummler gewinnt. Vielleicht komme ich da noch hin, aber erst einmal versuche ich weiter Regeln zu erklären und ein Gefühl für Fairness zu schaffen.

: Auch für ganz Kleine spannend

Bewusst Frusterlebnisse schaffen?

Beim Spielen – so habe ich es in vielen Ratgebern gelesen – geht es viel darum, Frust auszuhalten. Ich kann beispielsweise leider kein Schach spielen. Mein Mann hat es mir erklärt und mich in der ersten Partie innerhalb von drei Zügen schachmatt gesetzt. Das hat mich nicht motiviert, es noch einmal gemeinsam mit ihm und Schach zu probieren. Ich hätte mir ein freundlicheres Vermitteln der vielen Informationen gewünscht.

Um ein solches Vermitteln bin ich bei unseren Kindern bemüht. Spielen soll ihnen zuallererst Spaß machen. Aber wann wird es zu freundlich? Wenn ich Hemmungen habe, den Sohn rauszuschmeißen, der schnell wütend wird? Müsste ich ihn in dieser Phase bei jeder Gelegenheit rausschmeißen, damit er lernt, ruhig zu bleiben? Wie pädagogisch sollten Eltern mit ihren Kindern spielen? – Spielen mit Kindern ist ein empathisches Abwägen und hängt von der Tagesform und dem persönlichen Nervenkostüm ab.

: Ärger vorprogrammiert?

Verlieren will gelernt sein

Gemeinsam können wir hervorragend verlieren und gut gewinnen. Wir jubeln und tanzen oder beginnen gleich die nächste Runde, in der wir auf jeden Fall gewinnen werden und der Rabe elendig verhungert … Als Einzelspieler zu verlieren, steht bei keinem meiner Kinder hoch im Kurs. Hier hat schnell einer der Mitspieler die eigene Niederlage zu verantworten.

Der eine hat einen bewusst immer wieder rausgeschmissen. Ich habe die Karten nicht richtig gemischt. Vielleicht hat der eine geschummelt, man selbst sich an die Regeln gehalten und damit verloren. Wie fühlt es sich an, durch Regelbruch zu gewinnen?

Spielen kann bei uns je nach Ergebnis hoch emotional werden und viel Nachbesprechung fordern. Zwischen einem gesunden Aneinandermessen und dem direkten und ungesunden Vergleichen liegt oft nur eine sehr schmale Grenze. Spielfelder sind bei uns lange regelmäßig durch die Luft geflogen. Es wurde rausgestürmt, sich auf den Boden geschmissen, laut gebrüllt und bitterlich geweint.

Scheitern gehört zum Leben

Wenn ich mir viele Erwachsene anschaue, wünsche ich meinen Kindern im Kindesalter viele Erlebnisse, in denen sie das Verlieren lernen und von ihrem Originalplan abweichen müssen. Situationen, in denen sie an ihre Grenzen geraten und das Scheitern aushalten müssen. Denn tatsächlich sind die Erwachsenen, die diese Erfahrung offensichtlich nicht häufig gemacht haben, mir persönlich zu wenig demütig. Ich liebe die Einstellung, dass alles möglich ist, sich voller Einsatz lohnt und man es immer mehrfach probiert.

: Spieleabende und Co.

Wenn jedoch alles möglich ist, beinhaltet das auch das Scheitern. Und die Erfahrung, dass man nach einer Bruchlandung neu sortiert aufsteht und reicher um mindestens eine Erfahrung samt Erkenntnis weitermacht.

Wer zu gerade durchs Leben kommt, glaubt am Ende, das hätte er ausschließlich sich zu verdanken und nicht den Tausend guten Zufällen, praktischen Kontakten und dem notwendigen Quäntchen Glück.

Kommen dann die ersten Ablehnungen, zerschmettert es neben den Plänen auch das Selbstbild. Eine wichtige Lektion, die Gesellschaftsspiele ganz nebenbei vermitteln, lautet: Weder Erfolg noch Misserfolg hängen ausschließlich an der eigenen Person.

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