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Puppenmami und Zopfflechterin

vonSaskia Wöhler

Unsere Autorin erzählt über ihren Alltag mit einem kleinen Puppen-Narr. Warum sie selbst keine Puppen mochte und was sie heute so daran stört, erfährst du hier.

vonSaskia Wöhler
© Pexels / Polesie Toys

Puppenmami mit Leib und Seele

Tochter 2 ist begeisterte Puppenmami. Fröhlich wird bei uns Tee serviert und zeitgleich den Puppen etwas vorgelesen. Außerdem wickelt und verarztet sie alles, was nicht schnell genug versteckt wird (auch Schleichdinosaurier und das Hüpfeselpferd Rody trugen bei uns schon Windeln).

Zum 3. Geburtstag standen neben der Eiskönigin eine Puppe und Sachen für diese Puppe oben auf der Wunschliste.

Neben den Puppen liebt Tochter 2 Glitzer und Zöpfe. Pailletten auf der Kleidung – bis hierhin für mich ein Modestatement älterer Damen – sind ihre liebsten Begleiter.

Ich habe lieber mit Lego gebaut. Meine Barbies wurden ausschließlich angezogen und zu Standbildern arrangiert.

Meiner Sonnenkönigin schmolz bei einem solchen Arrangement aufgrund der Bestrahlung durch meine Schreibtischlampe leider der Hinterkopf. Ab da trug sie Hochsteckfrisuren.

Meine einzige Puppe hieß Nina, hatte genau ein Kleid und bevorzugt habe ich mit meinem Stoffhund Beppi gespielt.

Puppen haben mich – ehrlich gesagt – immer genervt.

Mir sind keine Spiele mit ihnen eingefallen. Anziehen fand ich bei mir schon lästig und den Hund konnte ich an einer Leine hinter mir herziehen. Das hat für mich mehr Sinn ergeben als ein Puppenwagen. (Womit im Übrigen all die lieben Küchentischpsychologen widerlegt sind, die eine große Liebe zu Puppen als wichtiges erstes Indiz für viele Kinder ansehen.)

Wessen Alltag bilden diese Puppen ab?

Zum dritten Geburtstag von Tochter 2 tauche ich tiefer ein in das schier unendliche Universum der Puppen und Puppenmamis. Und nein, das ist an den meisten Stellen überhaupt nicht schlimm. Als ich jedoch alleine bei Google nach geeigneten Puppen suchte, war ich irritiert.

Es finden sich Puppen in seltsamen Posen, in Schulmädchenuniformen, Spitzenkleidchen und hochgezogenen Kniestrümpfen. Geht es hier tatsächlich um kleine Mädchen oder um Pädophile? Wen sollen diese Puppen ansprechen?

– Mir leuchtet ein, dass sich der Alltag mit Puppen nachspielen lässt. Reiteroutfits oder das Ballett-Tutu kann ich nachvollziehen, wobei mir eine Karate-, Fußball- oder Box-Puppe auch gefallen würde. Aber Kniestrümpfe, kleine Täschchen und Kleidchen – wofür? Wenn diese Puppen dann als „MiniMe“ ins Haus kommen, was füttert das? Sind das die Bilder, die ich mir im Kopf meiner Tochter wünsche?

Wir haben uns für eine harmlose und drollige Puppe entschieden. Kein Baby mehr, aber auch keine Uniformen, schicke Kleidchen und so weiter. Meine Tochter kann sie hervorragend alleine anziehen, übt beim Regenmantel den Reißverschluss zu schließen und kann sie tragen oder neben sich an der Hand gehend führen. Gut, dass es diese „normalen“ und schlicht schön gemachten Puppen gibt. Schade, dass die anderen Puppen zu überwiegen scheinen.

Schicke Frisuren?

Bei der Suche nach Puppenwagen freue ich mich über Modelle ohne Rosa, die es tatsächlich gibt. Ich bin erstaunt über die vielen Funktionen, die bereits ein Puppenwagen in diesen Zeiten braucht.

Und wahrscheinlich werde ich über kurz oder lang sehr genervt sein von der Neuentdeckung der Langsamkeit beim Gang zur Kindertagesstätte am Morgen (und beim Heimweg ebenso).

Der Sitz für das Laufrad für die Puppe fehlt zwar keineswegs, aber der Wagen ist garantiert attraktiver.

Bei der Wunschpuppe hatte Tochter 2 klare Vorstellungen. Sie sollte lange Haare haben, damit sie Zöpfe bekommen kann. Leider bin ich bei Mädchenfrisuren talentfrei. Mein schlichtes Repertoire umfasst Pferdeschwanz, Dutt und zwei Zöpfe an den Seiten. Für Flechtvideos auf YouTube fehlt mir die Leidenschaft für Frisuren.
Um das Desaster herauszureißen, verwende ich gerne glitzernde Spangen. Ich hoffe, dass das meine Kinder über mein mangelndes Talent und meine fehlende Leidenschaft in diesem Bereich hinwegtröstet.

Wobei ich nun an der Puppe üben kann, darf oder muss. Tochter 2 ist hierbei durchaus kritisch und hat klare Vorstellung, wo und wie ein Zopf bei ihrer Puppe sitzen muss.

Puppenwelt darf bunter werden

Ja, es gibt die detailverliebten Accessoires für so viele Gelegenheiten und die Sachen sind durchdacht und schön designt. Wie bei allen Spielzeugwelten würde ich mir auch bei den Puppen mehr Diversität wünschen.

Unterschiedliche Haut-, Haar und Augenfarben sind dabei die eine Sache, die für viele Kinder mit Sicherheit bei der Identifikation viel ausmachen. Kinder möchten sich in ihren Spielwelten wiederfinden. Es gibt extra Puppen, die MiniMe-artig aufgebaut sind. Das hört bei den hellhäutigen Varianten auf.

Ebenso dürften die Spielwelten für die Puppen durch Kleidung und zusätzliche Artikel mehr abbilden als Reitstunden, Ballettunterricht und shoppingtaugliche Outfits.

Wir haben ein Arztset dazugekauft. Tochter 2 stellt mit Begeisterung fest, dass ihre Puppe ein gebrochenes Bein hat. (Die Sachen passen ausschließlich der Puppe, das wurde genauestens am Hund überprüft.)

Wofür Puppen toll sind

Tochter 2 liebt ihre Puppen. Außerdem zieht sie ihre Puppen mit einer Engelsgeduld an und aus. Das ist eine tolle Übung für die Feinmotorik (und Frustrationstoleranz). Die kleinen Knöpfe schließen, die Füße in Schuhe tüddeln oder die Arme durch Ärmel hindurchführen – all das übt.

Meine Tochter spielt fürsorglich mit ihren Puppen. Sie werden liebevoll mitgenommen. Sie spricht mit ihnen, verarztet, tröstet und füttert sie. Sie erklärt ihnen die Welt aus ihrer Sicht und singt ihnen Lieder vor.

Neben ihnen ist sie die Große, die weiß, wie Busfahren geht. Wenn ich sie beim Spielen beobachte, glaube ich sofort, dass diese Art von Spielen Empathie fördert und hilft, Situationen des Alltags zu üben.

Darum: Gerne ein bisschen weniger weiß, blond und schicke Sachen und ich wäre vollständig versöhnt.

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