Patchworkfamilie: Die Rechte von Pflichten der Stiefmutter

Patchworkfamilie: Das sind dein Rechte und Pflichten als Stiefmutter

Im Märchen ist die Stiefmutter immer die Böse – im wahren Leben hat sie es aber auch nicht immer leicht. Eine Stiefmutter hilft ihrem Partner bei der Erziehung und Vorsorge seiner leiblichen Kinder. Aber welche Rechte und Pflichten hat sie dabei?

Stiefmutter mit ihrer Tochter
Eine Stiefmutter ist meistens gar nicht so böse, wie man es aus den Märchen kennt © Pexels/ Brett Sayles

Wie viele Patchworkfamilien gibt es?

Laut dem Statistischen Bundesamt wurden 2017 in Deutschland 153.500 Ehen geschieden. Aber jedes Ende kann auch ein neuer Anfang sein. Viele Menschen finden nach einer Scheidung neue Partner – manche heiraten auch wieder. Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) heiraten knapp die Hälfte der geschiedenen Männer und Frauen in Deutschland wieder. Da bei der Hälfte aller Scheidungen minderjährige Kinder betroffen sind, ergeben sich immer mehr Patchworkfamilien – mit einem Stiefvater oder einer Stiefmutter.

Wann gilt man offiziell als Stiefmutter?

Frauen in einer Beziehung mit einem Partner, der Kinder aus einer früheren Beziehung hat, gelten rechtlich gesehen nicht als Stiefmutter der Kinder. Erst wenn das Paar verheiratet ist, wird man zum Stiefelternteil. Des gleiche gilt auch für eigene Kinder, die mitgebracht werden.

Die Rechte einer Stiefmutter

Stiefmütter haben nicht die gleichen Rechte wie der Vater oder die leibliche Mutter. Stiefeltern haben zum Beispiel kein Sorgerecht – sie sind demnach auch nicht erziehungsberechtigt.

Das kleine Sorgerecht

Im Falle eines „echten“ Stiefelternverhältnisses, also nach einer Eheschließung, gibt es das sogenannte ‚kleine Sorgerecht‘.

Eine Stiefmutter mit dem kleinen Sorgerecht kann bei gewissen Dingen, die das Kind betreffen, Entscheidungen treffen. Das geht aber nur im Einvernehmen des Elternteils mit dem eigentlichen Sorgerecht. Damit darf sie über Angelegenheiten entscheiden, „die häufig vorkommen und die keine schwer abzuändernden Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben“, heißt es im § 1687 BGB.

Eine Stiefmutter kann zum Beispiel über folgende Dinge entscheiden:

  • Schulischer Alltag
    Entscheidung über Nachhilfe, Entschuldigung im Krankheitsfall, Abholen
  • Medizinische Versorgung
    Behandlung leichter Krankheiten, Vorsorgeuntersuchungen, Standartimpfungen
  • Tägliche Versorgung
    Nahrung, Hygiene, Kleidung, Schlafenszeit
  • Freizeitgestaltung
    Fernsehkonsum, Taschengeld, Hobbies

Entscheidungen von wichtiger Bedeutung – also solche, die nicht so einfach umkehrbar sind – fallen nicht in das kleine Sorgerecht. Das sind zum Beispiel:

  • Kindergarten- und Schulwahl sowie -wechsel
  • Taufe/Namensgebung oder Namensänderung
  • große Operationen (in einer Notfallsituation, in der kein leibliches Elternteil erreichbar ist, kann ein Stiefelternteil trotzdem entscheiden)

Das kleine Sorgerecht gibt es nur, wenn der Ehepartner das alleinige Sorgerecht hat. Wenn sich die Eltern die Sorge teilen, muss eine Vollmacht erteilt werden.

Kann die Stiefmutter im Todesfall das Sorgerecht erhalten?

Wenn ein Partner stirbt, unterscheidet das Gesetz zwischen leiblichen Kindern und Stiefkindern. Grundsätzlich hat die Stiefmutter in diesem Fall kein Recht darauf, die Kinder weiterhin versorgen zu dürfen. Denn ein Stiefelternteil ist kein Verwandter des Kindes. Das Jugendamt beauftragt in solchen Fällen den nächsten Blutverwandten mit der Betreuung der Kinder. Das ist meist der Ex-Ehepartner oder Großeltern. Verhindert werden kann das, wenn eine Sorgerechtsverfügung aufgesetzt wurde.

Durch eine sogenannte Verbleibensanordnung nach § 1632 Abs. 4 BGB kann ein Stiefkind auch bei seiner Stiefmutter bleiben, obwohl das andere leibliche Elternteil das Sorgerecht hat. Diese Anordnung ist meistens allerdings nicht dauerhaft und eher dafür gedacht, damit dem Kind der Umzug leichter gemacht wird. Wenn davon auszugehen ist, dass das Kindeswohl beim sorgeberechtigen Elternteil in Gefahr ist, kann sie allerdings verlängert werden.

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Wie sieht es mit dem Erbe aus?

Das deutsche Erbrecht hat die klassische Familie im Blick. Stiefkindern sind also leiblichen oder adoptierten Kindern nicht gleichgestellt. Nach §1924 BGB können nur die eigenen Kinder bei der gesetzlichen Erbfolge berücksichtigt werden. Eine Stiefmutter sowie ihre Kinder haben im Erbe also keinen Anspruch auf den Pflichtteil.

Deshalb ist ein Testament oder ein Erbvertrag in Patchworkfamilien auch so wichtig. Haben der leibliche Vater und die Stiefmutter nicht geheiratet, kann das Vermögen durch eine Schenkung dem Partner vermacht werden, erklärt die Notarkammer Schleswig-Holstein. Der Anspruch anderer auf den Pflichtteil wird hierdurch aber nicht ausgehebelt und sollte bedacht werden.

Die Pflichten einer Stiefmutter

Stiefmütter haben auch andere Pflichten als der Vater oder die leibliche Mutter. Stiefeltern müssen zum Beispiel keinen Unterhalt zahlen.

Müssen Stiefeltern auch Unterhalt zahlen?

Nein! Eine Stiefmutter oder ein Stiefvater muss rechtlich gesehen keinen Unterhalt zahlen. Stiefeltern geben meistens im Alltag trotzdem Geld für ihre Stiefkinder ab. Laut dem Familienportal des BMFSFJ können Stiefeltern dieses Geld des Elternteils, das Unterhalt zahlen muss, zurückfordern.

Im Falle einer Scheidung: Hat die Stiefmutter eine Umgangspflicht?

Ein Stiefelternteil hat keine Pflicht zum Umgang mit dem Kind. Wenn die Frau wirklich im Leben des Kindes involviert war, kann ihr ein Besuchsrecht zugesprochen werden. (§ 1685 Abs. 2 BGB) Vor allem, wenn sie eine enge Bindung zum Kind aufgebaut hat, wird das Besuchsrecht oft wegen dem Kindeswohl erlaubt.

Wie sieht es mit der Versicherung in einer Patchworkfamilie aus?

In der gesetzlichen Krankenversicherung sind nur leibliche Kinder mitversichert. Die eigenen Kinder der Stiefmutter bleiben bei dem Elternteil versichert, bei dem sie davor versichert waren.

Sollten Stiefeltern ihr Stiefkind adoptieren?

Durch eine Adoption wird die Stiefmutter rechtlich gesehen zu der vollwertigen Mutter des Kindes. Sorge- sowie Umgangsrecht, Unterhaltpflicht und Angelegenheiten zum Erbrecht gehen auf die sie über (§ 1754 BGB). Das heißt, dass die leibliche Mutter alle Rechte gegenüber dem Kind verliert. Deshalb ist auch die Einstimmung der leiblichen Mutter für eine Adoption nötig. Bei größeren Kindern muss das Kind selbst auch zustimmen.

Bisher war eine Adoption nur für verheiratete Paare erlaubt. Nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts sollen ab März 2020 auch Unverheiratete Stiefkinder adoptieren dürfen.

Der schlechte Ruf: die böse Stiefmutter

Abweisend, herzlos, nachlässig, unliebenswürdig – das alles sind Synonyme, die der Duden für das Wort „stiefmütterlich“ nennt. Woher kommt der schlechte Ruf? Aus den Märchen! Die Eine versucht, Schneewittchen mit einem Apfel zu vergiften – die Andere benutzt Aschenputtel als Putzkraft. Die böse Stiefmutter ist immer noch ein Klischee, das in den Köpfen der Menschen besteht.

Auch die Forschung ging lange Zeit vom „Aschenputtel-Effekt“ aus. Demnach sogt eine Stiefmutter oder ein Stiefvater schlechter für Stiefkinder, weil sie nicht die gleichen Gene haben. Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung wiederlegte das aber 2013. Demnach hängt die „Fürsorge der Eltern von mehr ab als von der biologischen Verwandtschaft.“

Das Klischee der bösen Stiefmutter ist also ziemlich veraltet. Denn Stiefmütter (und Stiefväter) lieben ihre Stiefkinder meistens so, als wären es ihre eigenen. Übrigens gibt es in Amerika mittlerweile schon einen Stepmother’s Day. Seit 2000 wird da am Sonntag nach dem Muttertag der Stiefmuttertag gefeiert. Auch in Deutschland feiern seit 2015 immer mehr Menschen ihre Stiefmütter – weil sie es verdient haben!


Quellen:

  • Statistisches Bundesamt: Deutlich weniger Ehescheidungen im Jahr 2017 (10.07.2018). Auf: Destatis: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2018/07/PD18_251_12631.html (Letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familienreport 2017: Leistungen, Wirkungen, Trends (2017). Unter: https://www.bmfsfj.de/familienreport-2017 (Letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Michael Coester: Die Rechtsbeziehung zwischen Stiefelternteil und Stiefkind (1994) In: Horstmann, Johannes (Hrsg.): Stieffamilie/Zweitfamilie. Reflexionen über einen an gesellschaftlicher Bedeutung zunehmender Familientypus. Familienbund der Deutschen Katholiken/Landesverband Nordrhein-Westfalen, S. 133-148
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Können Kinder von ihren Stiefeltern Unterhalt bekommen? (Stand 2019) Auf: familienportal.de https://familienportal.de/familienportal/familienleistungen/unterhalt/koennen-kinder-von-ihren-stiefeltern-unterhalt-bekommen-/125224 (Letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Marion Küfer: Rückkehr oder Verbleib: Eine Analyse der Rechtssprechung zu Herausgabekonflikten bei Pflegekindern (18.08.2008). In: Deutsches Jugendinstitut e.V. https://www.dijuf.de/tl_files/downloads/2010/pflegekinderhilfe_deutschland/081023_Pflegekinderhilfe_RechtsprechungsanalyseHerausgabekonflikte_18-08-2008.pdf (Letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Louisa Maria Giersberg: Sorgerechtsverfügung im Todesfall: Das ist wichtig (14.10.2016) Auf: NDR.de https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Sorgerechtsverfuegung-im-Todesfall-Das-ist-wichtig,sorgerechtsverfuegung100.html (Letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Schleswig-Holsteinische Notarkammer: Erben in der Patchworkfamilie – Nachlass individuell Regeln (20.04.2016) Unter: https://www.notk-sh.de/rechtstipps/20-04-2016-erben-in-der-patchworkfamilie-nachlass-individuell-regeln/ (Letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Gilbert Häfner: Patchworkfamilie: Welche Rechte und Pflichten haben Eltern und Kinder? (08.10.2018) In: Mitteldeutscher Rundfunk. https://www.mdr.de/mdr-um-4/leichter-leben/patchworkfamilie-rechte-und-pflichten-eltern-kinder-100.html (Letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Klaus Hempel: Adoption von Stiefkindern – auch ohne Trauschein (02.05.2019) Auf: Tagesschau. https://www.tagesschau.de/inland/bundesverfassungsgericht-stiefkindadoption-unverheiratete-101.html (Letzter Zugriff: Mai 2019)
  • Max-Planck-Gesellschaft: Stiefeltern sind nicht immer böse (12.11.2013). Unter: https://www.mpg.de/7592899/stiefeltern (Letzter Zugriff: Mai 2019)