Bookmark

Stress und Mama-Frust – warum es sich lohnt, das Negative zu genießen

Unsere Autorin Jenn Knott ist eine Mutter, die bei anstrengenden Situationen gern mal ausrastet. Doch kann man diese Momente auch genießen? Ihre neue Sichtweise auf Konflikte verrät sie hier.

Kindererziehung ist ein Privileg. Wenn auch manchmal ein brüllendes.
Kindererziehung ist ein Privileg. Wenn auch manchmal ein brüllendes.
Bigstock / Nadezhda1906

Manchmal glaube ich, ich bin die einzige, die ihre Kinder aus reinem Frust anbrüllt, die außer sich gerät und eine Schimpftirade loslässt, die aus Wut sogar Sachen schmeißt. Die einzige, die sich eben genauso wie ein Kleinkind verhält, wenn es mir ab und zu einfach zu viel wird und ich meine Geduld nicht mehr finden kann.

Die einzige bin ich mit Sicherheit nicht – aber trotzdem wäre es besser, solche Wutausbrüche zu vermeiden. Wie macht man das?

Die Perspektive wechseln hilft!

Neulich hatte eine weise Freundin von mir eine interessante Idee: eine Umstellung der Einstellung bezüglich Konflikte überhaupt. Ich habe ihr – sie hat selbst ein 17-jähriges und 4-jähriges Kind – von einem Kraft-kostenden Konflikt mit meiner Tochter erzählt. Ich war seit Tagen allein mit Kindern zu Hause und ein nicht aufgeräumter Stapel von Büchern auf dem Sofa gab mir den Rest. Die Folge: lautes Schimpfen, ruppige Handhabung von Gegenständen, Vorwürfe von mir als Familien-Sklavin. Das volle Programm.

Video-Empfehlung

Statt mir Recht zu geben und meine Wut zu bestätigen hatte meine Freundin einen anderen Vorschlag: Ich könnte probieren, das ganze viel mehr zu genießen! Ich habe das Privileg, Kinder zu erziehen und eines Tages sind unsere lieben, nervigen, bedürftigen Kleinen eben nicht mehr da. Man sollte sich bemühen, seine Zeit einfach zu genießen, soweit es geht.

Mein erster Instinkt war spöttisch zu lachen. Von wegen ich sollte diesen Mist genießen! Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto klüger finde ich diese Einstellung.

Raus aus den negativen Emotionen

In dem Moment, wo wir überfordert sind, ist es hart. Die Emotionen überwältigen uns und wir fokussieren uns auf die negativen Gefühle. Das erste Jahr mit meinem zweiten Kind – voller Tränen und ohne ausreichenden Schlaf – war eine echte Herausforderung, die ich für nichts wiederholen würde. Aber trotzdem bin ich froh, dass ich es mit ihm durchgemacht habe. Ich bin drangeblieben und habe meiner Tochter ein Jahr lang mein ganzes Selbst geschenkt, weil sie es gefordert hat. Ohne mich wäre sie nicht das fröhliche, selbstbewusste Kind von heute und darauf bin ich schon stolz.

Hätte ich die Zeit genießen können? Schwer, aber vielleicht nicht ganz unmöglich. Hätte ich das Jahr als Privileg betrachtet statt als Kampf ums Überleben, wäre es bestimmt einfacher gewesen. Das Ziel von so einer Sichtweise ist eben das Leiden zu reduzieren oder sogar ganz zu vermeiden.

Es ist so leicht, sich im Alltag zu verlieren und den Überblick den Augen zu verlieren. Wenn wir das ganze Leben unserer Kinder als 60-Sekunden Film anschauen könnten, würden wir uns über alltägliche Herausforderungen wie Trotz, Unordnung und Geschrei nicht mehr so ärgern. Wir wären sogar dankbar, dass wir unsere Kinder für so eine relativ kurze Zeit begleiten dürfen.

Wir haben immer nur JETZT

Ich bemühe mich so oft wie möglich einzelne Momente mit meinen Kindern richtig wahrzunehmen. Wie schön ist es, zusammen ein Puzzle zu machen oder miteinander Abend zu essen oder einem schreienden Kind die Haare zu waschen! Wenn wir das als Gesamtpaket ansehen können, ist auch so etwas genießbar.

Es ist eine Kunst, dauernd präsent und dankbar zu sein und gleichzeitig alles nicht so ernst zu nehmen. Wenn wir Glück haben, haben wir ein ganzes langes Leben vor uns, eine Zukunft, wo Ruhe die Regel ist und Kinder vernünftig mit uns umgehen. Wir leben aber immer nur in der Gegenwart, und die ist auch – mit allen Komplikationen – schön.

Um unser Glück immer wieder finden zu können, sollten wir lernen, das magische „Jetzt“ als Geschenk anzunehmen. Auch, wenn es nicht besonders hübsch verpackt ist.

Zum Weiterlesen: