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Ich bin eine Tragemami – wie das Mutterglück mit dem Kinderwagen kam

Schon vor der Geburt unseres Sohnes war ich mir sicher: Ich wollte, dass sich unser Kind so geborgen wie möglich fühlt. Ich wollte mit ihm kuscheln und ihn tragen, soviel es geht. Kinderwagen? Brauche ich nicht. Mit Tragetuch und Tragehilfe fühlte ich mich gut vorbereitet.

Kinderwagen? Brauche ich nicht
Kinderwagen? Brauche ich nicht
© Unsplash/ Jonathan Borba

Dann kam Oskar.

Die ersten Wochen wollte er vor allem eines: Mit der Brust im Mund schlafen, nuckeln, trinken und wieder schlafen. Verzweifelte Abdockversuche meinerseits endeten in herzzerreißendem Gebrüll.

Hätten mir diese stundenlangen Stilleinheiten nicht so große Schmerzen bereitet, wäre es wohl um einiges einfacher gewesen. Aber so begann ich jeden Tag meines Wochenbetts mit dem Umzug vom Bett zur Couch und endete jeden Tag auf die gleiche Weise.

Kind ablegen? Gebrüll. Spazieren gehen im Tragetuch? Gebrüll. Duschen? Gebrüll.

Die erste Zeit war hart. Er war 24 Stunden am Tag auf mich angewiesen und ich war 24 Stunden am Tag an dieses kleine, hilflose Wesen gebunden.

Als Oskar dann mit drei Monaten begann die Welt zu entdecken, wurde es langsam besser. Und seit er krabbelt, ist er ein vergnügtes und ausgeglichenes Baby. Endlich konnten wir gemeinsam das Haus verlassen, spazieren gehen und einkaufen. Zumindest ein bisschen.

Ab diesem Zeitpunkt trug ich ihn gerne. Aber mein Rücken dankte es mir nicht. Mit 9 Monaten knackte er die 10-Kilo-Marke und meinem aktiven Sohn war die Trage oft zu eng. Er drückte sich ab, drehte seinen Kopf, wollte mehr sehen.

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Ein Kinderwagen? Jetzt noch?

Einen Kinderwagen kaufte ich zu diesem Zeitpunkt zwar nicht mehr, aber als er 10 Monate alt war, entschied ich mich für einen gut gefederten Buggy. Sitzen konnte er schon sicher und laufen war nicht mehr in weiter ferne.

Es war ein heißer Sommertag, als der Postbote mit meiner Bestellung ankam. Ich war richtig aufgeregt. Ich hatte mir zwar vorgenommen, nur zu tragen, aber dieser Buggy, der war wirklich schön. In modernem Grau, mit Getränkehalterung und einem großzügigen Korb. Damit könnte ich auch einkaufen fahren. Und spazieren gehen. In der Stadt bummeln. Ich freute mich wie ein kleines Kind.

Die erste Fahrt mit dem Buggy

Früh am nächsten Morgen machten wir den ersten Ausflug mit dem neuen Buggy. Ich setzte Oskar hinein, schloss den Gurt und los ging es. Er machte überhaupt keine Anstalten. Ihm gefiel es richtig, in der Natur herumkutschiert zu werden. Er sah sich die Apfelplantagen, Wiesen und vorbeifahrenden Radfahrer an und schlief nach einer halben Stunde ein.

Einfach so. Sonst schlief er nur mit der Brust ein. Ich kutschierte mein Kind noch fast zwei Stunden über die Feldwege und freute mich selbst über die Auszeit in der Natur.

Mutterstolz und Mutterglück

Mittlerweile ist der Buggy mein treuster Begleiter. Oskar liebt ihn und sitzt beim Einkaufen im Wagen und schaut sich die Waren und Menschen an, während ich entspannt stöbere. Meine Trage habe ich gegen einen Ring Sling eingetauscht, der im Korb des Buggys liegt. Falls Oskar doch einmal getragen werden möchte, was momentan aber selten vorkommt.

Was mich erstaunt hat: Den Kinderwagen zu schieben hat das Mutterglück in mir geweckt. Das war eine ganz neue Erfahrung. Dabei dachte ich, mit Neugeborenem im Tragetuch fühle ich mich ganz Mama. Doch in den frühen Tagen nach der Geburt und den Stillproblemen konnte ich nur kleine Augenblicke wirklich genießen. Und die hatten meist nichts mit dem Tragetuch oder der Trage zu tun.

 

Mit dem Buggy war das sofort anders: Unbewusst konnte ich mich durch das Bild der Kinderwagen schiebenden Frau sofort mit meinem Bild als Mutter identifizieren. So hatte ich es immer gesehen. Von klein auf. Die Mama, die ein zufrieden schlafendes Kind im Kinderwagen schiebt. Und mit dem Kauf des Buggys schlüpfte ich etwas verspätet selbst in diese Rolle.

Und überraschenderweise gefiel mir das. Ich war richtig stolz, auf mein Baby im „Kinderwagen“. Jetzt freue ich mich, wenn der kleine Mann fremde Menschen anlacht und sie freundlich zurücklachen. Ich sehe gern mein Kind an, wie es ruhig im Buggy schläft. Und letztendlich freue ich mich natürlich auch über einen schmerzfreien Rücken und die schönen Stunden in der Natur.

Trotz Trageberatung und vier verschiedener Tragehilfen bin ich also doch keine reine Tragemami geworden. Mit Kindern kommt es ja irgendwie doch immer anders.