Bookmark

Erziehungsratschläge? Der Ton macht die Musik!

vonDaniela Kirschbaum

Anderen Eltern ungefragt Erziehungstipps zu geben, kommt nicht immer gut an. Außerdem schwingt da beim einen oder anderen natürlich auch die „gute Erziehung“ mit. Bloß nicht einmischen, das gehört sich doch nicht, ist das Credo vieler. Kein Wunder, dass das Thema durchaus polarisiert.

vonDaniela Kirschbaum
© Pexels/Polina Tankilevitch

Langer Rede, kurzer Sinn: Darf man andere Eltern auf Erziehungsfehler aufmerksam machen, wenn sie einem so sehr ins Auge stechen, dass es wehtut? Unser Autorin und Mama Daniela Kirschbaum hat sich da so ihre Gedanken gemacht…

Das mit den Argusaugen beginnt früh…

Sobald der Schwangerschaftstest positiv ist, sieht man sie plötzlich überall – junge Eltern. Ob im Supermarkt, Park, Restaurant oder Museum, Familien werden ganz genau unter die Lupe genommen. Schließlich kommt genau das ja auch demnächst auf einen selbst zu. Da will man doch vorbereitet sein! Und wenn man dann also mit wachsendem Bauch und Argusaugen so um sich blickt, sticht einem garantiert all das ins Auge, was man selbst nun wirklich NIEMALS auf diese Art und Weise tun würde…

Da sieht man naserümpfend zu gestressten Eltern hinüber, die die Contenance verlieren wegen so ein bisschen Trotzphase… Mit Empathie und Nerven aus Stahl würde man selbst an die Sache herangehen, ist doch wohl klar! Oder das Paar dort drüben, das sein Baby so gar nicht beruhigt bekommt. So schwer kann das doch nicht sein, oder? Ein bisschen wiegen und gut ist es…

„Lass dein Baby schreien!"

Vorstellung trifft auf Realität

Tja, und dann bekommt man selbst sein Baby und es verschlägt einem vor Scham die Sprache… Dass das so kräftezehrend ist mit den lieben Kleinen, damit konnte doch wirklich niemand rechnen. Da wird man dann auf einmal still und kehrt lieber vor der eigenen Tür. Demut nennt man das dann, glaube ich.

Doch irgendwann findet man zu alter Form zurück und plötzlich stechen sie einem dann doch wieder ins Auge – all die Situationen, in denen guter Rat nicht unbedingt teuer sein muss. Immerhin hat man ja jetzt auch ein Baby (oder zwei… oder drei… oder noch mehr…) und kann auf eine gewisse Erfahrung und Expertise zurückgreifen.

Oder etwa nicht? Doch darf man das jetzt? Als „auch Mama“ ungefragt Tipps geben, wenn man sieht, dass etwas gewaltig schief läuft? Wer bestimmt eigentlich, was „falsch“ ist? Und warum ist nur das eigene „Richtig“ richtig?

Fragen über Fragen… Nachdem meine Sprösslinge schon etwas älter sind, hatte ich aber genug Zeit, mir über solche Dinge Gedanken zu machen. Man hat ja sonst nichts zu tun…

Erziehungsratschläge? Ein heikles Thema…

Wenn man selbst einen Tragekurs gemacht und die eigenen Sprösslinge eng gebunden durch die ersten Monate geschleppt hat, fallen sie einem sofort auf: Die Babys, die liebevoll getragen werden, aber leider völlig falsch. Schief gewickelt sein, bekommt da eine völlig neue Bedeutung. Oder quasi Neugeborene, die in vorgefertigten Gestellen Blick voran getragen werden. Fehlhaltungen sind da vorprogrammiert… Dabei könnte man das leicht verhindern!

Und trotzdem agieren die tragenden Mamas und Papas doch nach bestem Wissen und Gewissen. Blöderweise ist es halt mit dem Wissen nicht weit her. Darf man da vorsichtig an die jungen Eltern herantreten, sich als „Tragemama“ outen und ungefragt mit Tipps um sich werfen? Heikle Sache…

Nur zum Stillen auf den Arm?

Dasselbe gilt auch für kleine Babys, die eindeutig noch nicht selbst sitzen können, aber trotzdem fröhlich aufrecht im Buggy herumgefahren werden. Rücken und Hüfte werden das später einmal definitiv nicht danken. Aber darf man denn da etwas sagen, so als Außenstehender?

Oder das junge Paar, das völlig hilflos mit seinem schreienden Säugling dasteht, aber nicht draufkommt, was ihm denn fehlt. Dabei macht der so eindeutige Suchbewegungen, dass einem selbst schon der Magen knurrt. Einfach hingehen und sagen: „Ich will mich ja nicht einmischen, aber das Kleine hat zweifelsfrei Hunger!“?

Dein Baby hat Hunger?

Und es hört nicht auf…

Das mit dem „Besserwissen“ hört übrigens auch mit steigendem Alter nicht auf… Der Kindergartenmutter sagen, dass ihre Prinzessin andere Kinder auslacht? Dem Helikopter-Elternteil am Spielplatz rückmelden, dass ein Fünfjähriger die Rutsche nun wirklich ohne helfende Hand bezwingen kann, vor allem wenn es das verbal sehr deutlich macht („Mama, lass mich eeendlich in Ruuuuhe, das kann sogar ein Baaaaby!!!“)?

Den Eltern des zehnjährigen Schulkollegen rückmelden, dass Ego-Shooter-Games aus gutem Grund erst ab 16 oder 18 Jahren freigegeben sind? Den Nachbarn rückmelden, dass die 13jährige Tochter wohl (heimlich?) raucht? Die Liste ließe sich endlos fortführen…

Tja, liebe Eltern, was hättet ihr getan?

Meine Devise? Erziehungsratschläge ja, aber SEHR vorsichtig!

Bei der Frage „Erziehungsratschläge – ja oder nein?“ habe ich mich irgendwann auf meine Intuition verlassen. Es gibt durchaus Situationen, in denen ein Ratschlag Gold wert sein kann, wenn man ihn entsprechend verpackt. Dabei gehe ich auch immer ein bisschen von mir aus: Wenn ich etwas – objektiv betrachtet – falsch mache und ich könnte es leicht ändern, würde ich es wissen wollen. Wir sind ja schließlich alle nur Menschen…

Im Laufe der Jahre habe ich mir eine Strategie zugelegt, mit der – hoffe ich zumindest – sowohl angesprochene Mamas und Papas leben können, als auch ich selbst. Diplomatisches Geschick ist das Zauberwort… Da plaudert man dann einfach zwanglos und nähert sich irgendwann scheinbar zufällig dem Kern.

Ganz nach dem Motto: „Meine Kinder wurden auch so gerne getragen, ich kann da eine tolle Trageberaterin empfehlen!“ oder „Na das ist ja ein hungriges, kleines Kerlchen, süß wie er sucht!“ Das bringt garantiert niemanden in Verlegenheit. Ob der versteckte Ratschlag angenommen wird oder nicht, ist dann – salopp formuliert – nicht mehr meine Sache…

Schließlich profitiert man auch selbst…

Von so manchem nett verpackten Erziehungsratschlag habe ich auch schon selbst profitiert, ganz ohne dass mir das unangenehm gewesen wäre. Ganz im Gegenteil, im Nachhinein war ich sogar dankbar… So weiß ich jetzt zum Beispiel, dass es sinnvoll ist, einem Kleinkind beim Zoobesuch die Telefonnummer auf den Unterarm zu schreiben.

Dass man das neue Skateboard nicht ohne Schützer ausprobieren sollte – auch nicht ganz kurz. Oder dass am besten die Eltern vorkosten, ob der Kinderpunsch wirklich schon abgekühlt ist.

In diesem Sinne: Es leben die gut(gemeint)en Ratschläge!

Top