Wie dein Verhalten das Liebesleben deiner Kinder beeinflusst

"Love"-Neonschild in einem Schaufenster
© Pexels / Loe Moshkovska

Wie Eltern miteinander umgehen, beeinflusst nicht nur den Familienalltag. Auch das Selbstverständnis der Kinder wird dadurch maßgeblich geprägt und hat so einen direkten Einfluss auf ihr späteres Liebesleben. Wir haben mit dem Kinderpsychologen Dr. Stefan Rücker darüber gesprochen, was Kinder aus der Beziehung der Eltern für ihr Leben mitnehmen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Kinder schauen sich aus unseren Beziehungen sehr viel mehr ab, als wir denken.
  • Was wir vorleben, prägt unsere Kinder für ihr ganzes Leben und hat Einfluss auf ihre späteren Beziehungen.
  • Aber: Sie sind keine “exakten Kopien” unserer Fehler, erklärt Dr. Rücker.

„Du bist genau wie deine Mutter“

Im Streit mit deinem Partner oder deiner Partnerin hast du vielleicht schon den Spruch „Du bist genau wie deine Mutter / dein Vater“ zu hören bekommen. Auch wenn das oft im Affekt gesagt wird, steckt darin doch ein Fünkchen Wahrheit. Die Beziehung zwischen Paaren beeinflusst das Leben ihrer Kinder in vielen Bereichen: von Kommunikation über Konfliktbewältigung bis hin zu Intimität. Und dieser Einfluss geht weit über die Kindheit hinaus. Der Kinderpsychologe Dr. Stefan Rücker erklärt, welche Situationen besonders prägend sein können.

: Unser Experte

Dr. Stefan Rücker ist Diplom-Psychologe und Experte für Kindeswohl und Umgangsrecht. In seiner Praxis hat er sich auf die Beratung von Trennungsfamilien spezialisiert. Hier kannst du mehr über seine Arbeit erfahren.

Selbstwertgefühl, Vertrauen und Intimität

Hallo:Eltern: Oft hört man, dass wir Partner:innen wählen, die unserem Vater oder unserer Mutter ähnlich sind. Welchen Einfluss hat die elterliche Beziehung denn auf Kinder und deren spätere Partnerschaften?

Dr. Rücker: Die Qualität der elterlichen Beziehung spielt eine signifikante Rolle in der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern und prägt maßgeblich deren spätere Partnerschaften.

Kinder, die in einer harmonischen Umgebung aufwachsen, in der Konflikte konstruktiv und respektvoll gelöst werden, erlernen positive Beziehungsmuster. Sie entwickeln häufig ein gesundes Selbstwertgefühl und können Vertrauen zu anderen fassen. Das ist für stabile und befriedigende Beziehungen im Erwachsenenalter grundlegend.

Im Gegensatz dazu können Kinder, die Zeugen von ständigen Konflikten, emotionaler Distanz oder gar Missbrauch werden, destruktive Verhaltensmuster entwickeln. Sie neigen dazu, diese in ihre eigenen zukünftigen Beziehungen zu übertragen. Das kann zu Schwierigkeiten bei der Konfliktbewältigung, der Kommunikation und der Intimität führen.

In einigen Fällen kann daraus auch ein Wiederholungszwang entstehen, bei dem unbewusst Partner gewählt werden, die frühere familiäre Dynamiken widerspiegeln.

Liebe, Zuneigung und Fürsorgeverhalten

Hallo:Eltern: Welche Situationen oder Verhaltensweisen übernehmen Kinder häufig von der Beziehung ihrer Eltern?

Dr.Rücker: Häufig übernehmen sie (bewusst und unbewusst) verschiedene Aspekte der elterlichen Beziehung. Beispielsweise beobachten Kinder, wie ihre Eltern miteinander kommunizieren, sei es durch Worte, Tonfall oder Körpersprache. Eltern, die offen, respektvoll und unterstützend miteinander reden, bieten ein Modell für positive Kommunikation. Dagegen können Kinder aus konfliktreichen oder schweigsamen Beziehungen lernen, Konflikte zu vermeiden oder sich in Auseinandersetzungen destruktiv zu verhalten.

Auch die Art und Weise, wie Eltern Liebe und Zuneigung zeigen, prägt die Erwartungen und das Verhalten von Kindern in ihren eigenen Beziehungen. Einige Kinder lernen, Liebe durch Worte, Umarmungen oder kleine Handlungen der Fürsorge auszudrücken, während andere vielleicht materielle Geschenke oder Leistungen als Ausdruck von Liebe wahrnehmen.

Wie Eltern sich gegenseitig unterstützen, dient ebenso als Modell für das Fürsorgeverhalten der Kinder. Sehen sie, dass ihre Eltern sich in schwierigen Zeiten unterstützen und füreinander da sind, erlernen sie die Bedeutung von Empathie und Unterstützung in Beziehungen.

: nicht unveränderlich

Dr. Rücker betont, die Übernahme dieser Verhaltensweisen ist nicht unveränderlich. Durch bewusste Reflexion, persönliche Entwicklung und therapeutische Unterstützung können wir die Muster, die wir in der Kindheit gelernt haben, erkennen und verändern.

Kleine Konflikte oder der ganz große Streit

Hallo:Eltern: Sprechen wir noch einmal über die Streitkultur. Welche Rolle spielen die Kommunikationsmuster der Eltern dabei, wie Kinder Konflikte angehen und kommunizieren?

Dr. Rücker: Wenn Eltern Konflikte respektvoll und konstruktiv angehen, tendieren auch Kinder dazu, diese Fähigkeiten zu übernehmen und in ihren eigenen Beziehungen anzuwenden. Sie lernen, ihre Emotionen zu regulieren, offen zu kommunizieren und Konflikte als Gelegenheit für Wachstum und Verständnis zu betrachten. Werden Konflikte dagegen negativ gehandhabt, können Kinder Schwierigkeiten entwickeln, ihre eigenen Konflikte auf gesunde Weise zu lösen.

Das Vorschulalter prägt uns am meisten

Hallo:Eltern: Gibt es bestimmte Phasen in der Kindheit, in denen Kinder besonders dazu neigen, diese Verhaltensweisen zu kopieren?

Dr: Rücker: Aus der Entwicklungspsychologie ist bekannt, dass Kinder während ihrer gesamten Kindheit von den Verhaltensweisen ihrer Eltern lernen, doch einige Phasen sind besonders kritisch. Frühkindliche Jahre, insbesondere das Vorschulalter, gelten als eine besonders prägende Zeit. In dieser Phase sind Kinder besonders aufmerksam und empfänglich für die sozialen Signale ihrer Umgebung und formen das grundlegende Verständnis von sich selbst, anderen und der Welt um sie herum.

Trennung der Eltern kann ein Gewinn sein

Hallo:Eltern: Wie steht es mit Trennungskindern? Was nehmen sie aus der (gescheiterten) Beziehung der Eltern mit?

Dr. Rücker: Aus der aufgelösten Beziehung ihrer Eltern nehmen Kinder oft ein komplexes Bündel von Wahrnehmungen und Erfahrungen mit. Kinder könnten die Trennung als ein Zeichen dafür interpretieren, dass Konflikte unüberwindbar sind oder dass Beziehungen vergänglich sein können. Diese Erfahrungen können in ihnen eine gewisse Vorsicht oder Unsicherheit in Bezug auf enge Bindungen erzeugen.

Gleichzeitig können Kinder aus der Trennung ihrer Eltern auch positive Erkenntnisse gewinnen, insbesondere wenn die Eltern die Trennung auf eine reife und verantwortungsbewusste Weise handhaben. Zum Beispiel, dass es manchmal notwendig ist, schwierige Entscheidungen zu treffen, um das eigene Wohlbefinden zu gewährleisten. Sie könnten auch beobachten, wie ihre Eltern trotz der Trennung kooperativ und respektvoll miteinander umgehen, was ihnen wertvolle Einsichten in die Bedeutung von Respekt, Kommunikation und Problemlösung in zwischenmenschlichen Beziehungen vermittelt.

Untreue Eltern, untreue Kinder?

Hallo:Eltern: Eine Studie legt nahe, dass Kinder von untreuen Elternteilen später selbst zum Fremdgehen neigen. Was meinen Sie dazu?

Dr. Rücker: Kinder, die Untreue in der elterlichen Beziehung beobachten, könnten lernen, dass Untreue ein akzeptabler Weg ist, mit Unzufriedenheit oder Konflikten in Beziehungen umzugehen. Sie könnten auch Misstrauen gegenüber der Beständigkeit und Sicherheit von Partnerschaften entwickeln.

Psychologisch gesehen kann die Erfahrung von elterlicher Untreue, auch die Entwicklung des Selbstwertgefühls und der Bindungsstile beeinflussen. Kinder könnten unsichere oder ängstliche Bindungsmuster entwickeln, die sich in ihren eigenen Beziehungen in Form von Unsicherheit, Eifersucht oder Schwierigkeiten, Vertrauen zu anderen aufzubauen, manifestieren.

: Ist meine Beziehung toxisch?

Aber, Dr. Rücker betont, die Beziehung zwischen den Verhaltensweisen der Eltern und denen ihrer Kinder ist komplex. Während einige Studien darauf hindeuten, dass Kinder, die Untreue beobachtet haben, möglicherweise ein erhöhtes Risiko aufweisen, ähnliche Muster zu wiederholen, ist dies nicht unausweichlich. Elterliche Untreue führt also nicht zwangsläufig dazu, dass ein Kind später in der eigenen Beziehung untreu wird.

Kinder sind keine exakten Kopien unserer Muster

Die Prägungen in unserer Kindheit sind also nicht in Stein gemeißelt. Auch die über die Elternbeziehung hinausgehenden Erfahrungen und die individuelle Resilienz des Kindes spielen eine große Rolle. Zusätzlich könne professionelle psychologische Unterstützung dazu beitragen, negative Auswirkungen abzumildern und erfüllende Beziehungen im Erwachsenenalter ermöglichen, betont Dr. Rücker im Interview.

„Die Qualität der Beziehungen, die Mutter-Kind-Bindung, sozioökonomische Bedingungen, kulturelle Normen und persönliche Erfahrungen beeinflussen, wie Kinder ihre eigenen Beziehungsmuster gestalten. Auch wenn sie bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen ihrer Eltern übernehmen können, sind sie nicht dazu bestimmt, exakte Kopien dieser Muster zu sein“, sagt Dr. Rücker abschließend.