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Wie lange Stillen? Welche Stilldauer empfohlen wird

Rundum das Thema Stilldauer gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Wie lange stillen also okay ist, kann nur individuell entschieden werden. Jedoch birgt das Langzeitstillen oder auch das sogenannte ausgedehnte Stillen nach dem sechsten Monat viele Vorteile. Was Experten empfehlen, liest du hier.

Mutter stillt Kleinkind
Mutter stillt Kleinkind
©pexels/ Willsantt

Wie lange Stillen? Davon hängt es ab

Wie lange stillen sinnvoll ist, ist von vielen Faktoren, wie der Einführung der Beikost, Mutter, Kind und Muttermilch abhängig. Selbst wenn du mit der Beikost begonnen hast, kannst du durchaus weiter nach Bedarf stillen.

Die Nationale Stillkommission hat 2004 folgende Empfehlungen für die Stilldauer gegeben:

  • Ausschließliches Stillen während der ersten sechs Monate, gilt als ausreichend für die meisten Säuglinge
  • Mit Beikost sollte nicht später als dem siebten Lebensmonats begonnen werden
  • Beikosteinführung bedeutet nicht, dass abgestillt werden muss
  • Stillen als Ergänzung zur ausgewogenen festen Nahrung bis Ende zum ersten Lebensjahr und darüber hinaus

Wenn nach der Aussage der WHO gegangen wird, sollte ein Kind mindestens sechs Monate ausschließlich gestillt werden. Sie empfiehlt außerdem begleitend zur Beikost weiter zu stillen – volle zwei Jahre oder darüber hinaus . Auch die Nationale Stillkommission gibt keine ausdrückliche Antwort auf die Frage: „Wie lange sollte man stillen?“, da sie der Auffassung sind, dass es eine individuelle Entscheidung ist, die Mutter und Kind gemeinsam treffen sollten.

Das natürliche und biologische Abstillalter bei Kindern beläuft sich zwischen 2,5 und 7 Jahren, so Professorin der Ernährungswissenschaften, Katherine A. Dettwyler. Ein Kleinkind kann sich aber auch deutlich früher abstillen.

Stilldauer kann variieren

Die Stilldauer kann nicht von Monaten oder Jahren abhängig gemacht werden. Es gibt Mütter, die bis zum Ende des ersten Geburtstags abgestillt haben wollten und trotzdem darüber hinaus stillen. Andere wollen, dass sich das Kind von allein abstillt. Dann gibt es Mütter, die entschieden haben, deutlich früher als geplant abzustillen oder andere, die gar nicht erst mit dem Stillen angefangen haben.

Man sieht, dass individuelle Umstände, sowie ursprünglich gewünschte Entscheidungen, manchmal ganz anders ausfallen. Auch deshalb gibt es keine konkrete Antwort auf die Frage, wie lange stillen okay ist. Wissenschaftlich konnte jedenfalls nicht nachgewiesen werden, dass das Langzeitstillen negative Folgen für die Entwicklung des Kindes trägt.

10 Gründe für ausgedehntes Stillen

Ganz im Gegenteil: Langzeitstillen birgt sogar zahlreiche Vorteile für dich und dein Kleinkind. Hier findest du, 10 Gründe zur Stilldauer bis ins Kleinkindalter:

  • Stillen im Kleinkindalter ist normal
    Körperliche Nähe und langes Stillen gehören zur Evolution der Menschheit. Dr. Herbert Renz-Polster betont, dass auch kleinere Kinder sich nach Schutz sehnen.
  • Muttermilch bleibt wertvoll
    Die Muttermilch dient auch noch für kleine Kinder als wertvolle Eiweiß- und Vitaminquelle. Sie bietet Mineralstoffe und mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die wichtig für die Entwicklung des Gehirns und des Zentralnervensystems sind.
    448 ml Muttermilch im zweiten Lebensjahr decken den Tagesbedarf zu etwa:

    • Energie 29 Prozent
    • Eiweiß 43 Prozent
    • Kalzium 36 Prozent
    • Vitamin A 75 Prozent
    • Folsäure 76 Prozent
    • Vitamin B12 94 Prozent
    • Vitamin C 60 Prozent
  • Immunabwehr des Kleinkindes
    Ab dem sechsten Lebensmonat steigen die immunaktiven Inhaltsstoffe in der Milch. Diese Abwehrstoffe unterstützen und entwickeln das Immunsystem eines Kleinkindes.
  •  Gesundheit der Mutter wird gefördert
    Auch die Mutter trägt Vorteile vom ausgedehnten Stillen. So reduziert jedes Jahr Stillen das Risiko an Brustkrebs zu erkranken, um 4,3 Prozent. Auch das Risiko an Gebärmutter-, Gebärmutterhals- und Eierstockkrebs zu erkranken wird wesentlich reduziert.
  • Mundgesundheit
    Durch das Saugen an der Mutterbrust wird die Kieferentwicklung gefördert. Es unterstützt sogar die korrekte Zahnstellung und trainiert die Mundmuskulatur. Außerdem verursacht Muttermilch keine Karies und fördert eine gesunde Mundflora.
  • Gestillte Kleinkinder
    Das Stillen von kleineren Kindern bedeutet nicht gleich, dass Mama rund um die Uhr da sein muss. Kleinkindern können auch eine Zeitlang ohne Muttermilch auskommen und werden es durch feste Nahrung kompensieren. Wenn die Mutter wieder zurückkehrt wird das Kind dann wieder an die Brust wollen. Ein Wochenende ohne Kind bedeutet somit nicht gleich das endgültige Abstillen.
  • Bis ins Erwachsenenalter
    Jeder Tropfen Muttermilch zählt und beeinflusst die Gesundheit bis ins Erwachsenenalter. Stillkinder brauchen deutlich weniger Zahnkorrekturen und Sprachtherapien im Alter. Außerdem soll Muttermilch vor Diabetes, Asthma und Übergewicht schützen.
  • Stillkinder verdienen mehr
    Kinder, die länger gestillt werden, sind körperlich und psychisch gesünder und intelligenter. Studien zur Folge (Victoria 2015 und Oddy 2009) weisen sie eine längere Schulbildung auf und verdienen bis zu 20 Prozent mehr des Durchschnittseinkommens.
  • Reduziert das MS-Risiko
    15 Monate Stillen und darüber hinaus senkt das Risiko für Frauen an Multipler Sklerose (MS) zu erkranken (Langer-Gould 2019).

Stillen von Kleinkindern: Was sich ändert

Dein Kind fängt langsam an zu laufen und zu sprechen. Es kann mittlerweile sogar explizit nach dem Busen fragen oder reißt in aller Öffentlichkeit dein T-Shirt runter, um die Brust anzufordern?

Unangenehm! Aber wieso eigentlich? Andere Menschen könnten ja Sachen denken, wie: „Warum stillt sie ihr Kind noch“ oder es als unangemessen empfinden. Stillen wird meist nur dann akzeptiert, wenn es sich dabei um ein Baby handelt.

Aber tatsächlich ist das Stillen von Kleinkindern etwas ganz Natürliches und sollte kein Ablaufdatum haben, sobald Baby zum Kleinkind wird. Muttermilch ist eine wahre Wunderwaffe, wenn die Kleinen krank sind: Davon profitieren Kinder, egal wie alt sie sind. Die Milch verändert dann ihre Konsistenz und enthält mehr weiße Blutkörperchen, die als Abwehr von Krankheitserregern arbeiten. Spannend: Das kannst du sogar sehen. Optisch erinnert diese Milch an das Kolostrum, welches ebenfalls zahlreiche Antikörper enthält und eine erste natürliche Impfung für Neugeborene ist.

Wie sich die Muttermilch im zweiten Lebensjahr verändert

Auch im steigenden Altem passt sich die Muttermilch den aktuellen Bedürfnissen deines Kindes an. Im zweiten Lebensjahr ist der Proteingehalt erhöht. Vitamine wie, Zink, Kalzium und Eisen sind erniedrigt.

Was macht Langzeitstillen schwierig?

Obwohl es keine Grenze nach oben geht, wenn es sich um die Frage dreht, wie lange man stillen sollte, gehen viele davon aus, dass nur Babys gestillt werden sollten. Und das wirkt sich auch auf die Mutter aus:

  • Ammenmärchen
    Irrglauben, wie „nach dem sechsten Monat ist nichts mehr Wertvolles in der Muttermilch drin“ oder „das Kind kriegt alle Nährstoffe, die es braucht durch feste Nahrung“ sind immer noch weit verbreitet und falsch.
  • Vorurteile
    „Mütter, die ausgedehnt Stillen, können sich von dem Kind nicht lösen und deshalb ist das Kind auch nicht bereit aufzuhören. Das Kind wird dadurch nicht selbstständig.“ Wissenschaftlich konnte dieses Argument nicht bestätigt werden.
  • Angst vor negativen Reaktionen
    Langzeitstillende Mütter werden von ihrer Umwelt unter Druck gesetzt, endlich abzustillen.

Der richtige Zeitpunkt fürs Abstillen

Viele Mütter fragen sich, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um abzustillen. Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Warum Frauen aufhören zu stillen, kann viele unterschiedliche Gründe haben, die du hier genauer nachlesen kannst.

Jede Mutter, die sich gegen oder für das Langzeitstillen entscheidet, hat ihre individuellen Gründe, die berücksichtigt und respektiert werden sollten. Wie lange gestillt werden sollte, ist auch von individuellen Faktoren abhängig. Man kann sich an den Meinungen von Ärzten und Experten orientieren oder es wird solange gestillt, wie das Kind es braucht.

Grundsätzlich gilt, dass das Stillen auch im Kleinkindalter keine nachweislichen Nachteile aufweist. Für oder gegen das Abstillen müssen sich Mutter und Kind gemeinsam entscheiden und sehen, dass es für beide stimmig ist.

Quellen