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Kann man zu oft „Ich hab dich lieb“ sagen?

Die einfache Antwort würde wahrscheinlich „nein“ lauten, aber so einfach ist das Thema nicht. Eine untere Grenze muss es geben, aber wo liegt sie denn? Machen wir etwas falsch als Eltern, wenn wir den Satz „zu wenig“ oder doch „zu oft“ über die Lippen bringen? Hier meine Meinung dazu.

"Ich hab dich lieb" - kann man es zu oft sagen?
"Ich hab dich lieb" - kann man es zu oft sagen?
Unsplash / Connor Wilkins

Der Satz ist vielleicht der bedeutungsvollste Satz jeder Sprache, der Satz, mit dem wir kommunizieren, dass bestimmte Leute uns sehr wichtig sind und sehr nah liegen. „Ich hab dich lieb“ ist kraftvoll, weil die Liebe so nötig ist – die Liebe bleibt eine der Grundbedürfnisse des Lebens die vor allem Kinder brauchen, um starke, selbstbewusste Erwachsene zu werden.

Reicht es aus, wenn Eltern ihren Kindern das Gefühl geben, dass sie geliebt sind? Oder muss man den Satz unbedingt sagen? Wenn ja, wie oft?

Die Kultur und die Erziehung sind unsere Anleitung

Ich komme aus den USA, wo der Satz sehr wichtig und sehr oft gehört ist. Meine Eltern haben es uns bestimmt jeden Tag gesagt, spätestens als sie uns ins Bett gebracht haben. Schön war das schon als Kind aber ich glaube doch, dass man „Ich hab dich lieb“ so oft sagen kann, dass es seine Bedeutung verliert.

Wenn ich zum Beispiel bei jeder Verabschiedung den Satz ausdrücken würde – was keine so große Ausnahme in Amerika ist – wäre es mir einfach zu viel. Mehrmals am Tag ist einfach nicht nötig und ein kurzes, aus Pflicht gesagtes „Hab dich lieb!“ wirkt unecht und sogar heuchlerisch. Unter Erwachsenen finde ich diese oberflächliche Handhabung unerträglich, und gerne hätte ich es, wenn meine Kinder den Wert von „Ich hab dich lieb“ zum schätzen lernen.

„Ich hab dich lieb“ bedeutet etwas, und meiner Meinung nach sollten wir etwas sparsam und vorsichtig mit wertvollen Worten umgehen.

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Muss man es überhaupt sagen?

Ist es dann wichtig, „Ich hab dich lieb“ jemals zu sagen, wenn man sich sowieso liebevoll mit seiner Familie und seinen Freunden benimmt? Ich finde eindeutig ja. Wörter ohne Taten sind natürlich nicht so wertvoll. Aber wenn man die Liebe schon im Herzen hat schadet es wirklich, sie auszudrücken?

Nein. Ich höre immer wieder mit Entsetzen von deutschen Freunden und Familie, dass ihre Eltern „Ich hab dich lieb“ entweder niemals oder so gut wie nie gesagt haben. Eine Kindheit ganz ohne den Satz kann ich mir schwer vorstellen – für eine Amerikanerin ist das wirklich unverständlich. Ich finde nicht unbedingt, dass jemand ein Versager als Elternteil ist, wenn er seinen Kindern es nicht sagen kann…aber traurig finde ich es schon.

Wie oft denn sollten wir es ausdrücken?

Irgendwann in den frühen Jahren ist es mir aufgefallen, dass ich den Satz meinen Kindern doch sehr selten sage. WAS? Wie konnte ich das vergessen?! Na gut, dann baue ich bewusst und konsequent den Satz in meinen Alltag ein damit meine Kinder regelmäßig hören, dass ich sie lieb habe, genau wie meine Eltern es gemacht haben. Oder wissen sie es sowieso, auch wenn ich gestresst, genervt, oder schlecht gelaunt bin und eigentlich keine Lust habe, diese Verpflichtung nachzukommen?

Natürlich. Ich habe keine Verpflichtung, jeden Tag „Ich habe dich lieb“ auszudrücken, auch wenn ich es jeden Tag als Kind gehört habe. Ich zeige meine Liebe täglich, in dem ich aufstehe und Brotzeit mache, Kinder in den Kiga fahre, Kinder wieder abhole, einkaufen gehe, Pflastern auf Wunden klebe, ein Taschentuch anbiete, ein Buch vorlese, koche, um eine Umarmung bitte, Kinder ins Bett bringe, vorsinge. Wenn es mir aus dem Bauch heraus kommt, klar sage ich „Ich hab dich lieb.“ Das ist aber kein fester Teil meiner Routine – und so passt es auch.

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Mit meinen Kindern zögere ich nicht

Mein Ziel ist es, so oft ich die Liebe spüre, es auch laut zuzugeben. Es muss nicht im regelmäßigen Takt sein, aber ab und zu dürfen die Kinder es schon hören.

Wieso nicht? Ich liebe sie doch über alles, auch wenn ich es vielleicht eine Woche lang nicht sage. Darauf können sich meine Kinder jeden Tag und für immer verlassen.