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Jugendämter nehmen wieder mehr Kinder und Jugendliche in Obhut

Kind schaut aus dem Fenster
Nach vier Jahren Rückgang stiegen die Zahlen wieder
© Unsplash/ Sharon McCutcheon

Die Anzahl der Inobhutnahmen in Deutschland ist 2021 erstmals wieder angestiegen – das erste Mal seit vier Jahren. Der Anteil an Kindern und Jugendlichen, die ohne Eltern aus dem Ausland einreisten, stieg mit fast 50 Prozent besonders stark.

Jugendämter: 5 Prozent mehr Inobhutnahmen als im Vorjahr

Wie das Statistische Bundesamt jetzt berichtet, haben deutsche Jugendämter 2021 rund 47.500 Kinder und Jugendliche zu deren Schutz in Obhut genommen. Das ist ein Anstieg von 2.100 Fällen (also 5 Prozent) im Vergleich zum Vorjahr.

Kinder werden oft nach unbegleiteten Einreisen in Obhut genommen

Ein besonders starker Zuwachs war bei der Inobhutnahme nach unbegleiteten Einreisen aus dem Ausland zu sehen. 2020 waren es noch rund 7.500 Fälle – 2021 fast 11.300. Das ist ein Zuwachs von 50 Prozent.

Mehr Kinder melden sich selbst

2021 haben sich auch etwas mehr Kinder selbst bei Jugendämtern mit der Bitte um Inobhutnahme gemeldet. 7.727 Fälle gab es 2021. Das waren 170 (also 2 Prozent) mehr als im Vorjahr.

Übrigens: Im ersten Corona-Jahr 2020 war die Zahl der Selbstmeldungen im Vergleich zu 2019 stark zurückgegangen (800 Fälle weniger).

Weniger Inobhutnahmen wegen Kindeswohlgefährdungen

Wegen dringender Kindeswohlgefährdungen wurden 2021 weniger Kinder in Obhut genommen. 28.518 Fälle gab es 2021. Das führt den Trend der letzten Jahre fort:

  • 2020 waren es noch 30.324 Fälle
  • 2019 sogar 32.467 Fälle
: Inobhutnahmen 2021
Ein Überblick

Insgesamt bedeutet das für 2021:

  • 28 518 Inobhutnahmen (60 %) wegen dringender Kindeswohlgefährdungen
  • 11 278 (24 %) nach unbegleiteten Einreisen
  • 7 727 (16 %) aufgrund von Selbstmeldungen

Das Statistische Bundesamt betont aber, dass die Corona-Pandemie bei der Interpretation dieses Rückgangs von sechs Prozent zu beachten sei.

Corona-Lockdown: Gestiegene Dunkelziffer?

Der Bericht des Statistischen Bundesamtes schließt nicht aus, „dass der erneute Rückgang der Inobhutnahmen aufgrund von dringenden Kindeswohlgefährdungen 2021 auch mit den allgemeinen Kontaktbeschränkungen in Zusammenhang steht.“

Bedeutet konkret: Durch Schul- und Kita-Schließungen könnten einige Fälle einfach unentdeckt geblieben sein. Ob die Dunkelziffer der Kindesmissbrauchs-Fälle gestiegen sein könnte, kann die amtliche Statistik nicht einschätzen.

: Kriminalstatistik 2022

Kinder unter 14: überforderte Eltern, Vernachlässigung und Gewalt

Rund 20.200 (also etwa 42 %) aller in Obhut genommenen Kinder waren 2021 unter 14 Jahre alt.

Der Hauptgrund dafür war die Überforderung der Eltern – diese war in mehr als der Hälfte der Fälle (52 %) der Auslöser.

Weitere Gründe waren der Schutz vor

  • …Vernachlässigung (26 %)
  • …körperlichen Misshandlungen (18 %)
  • …psychischen Misshandlungen (12 %)

Etwa jedes achte Kind war vor der Inobhutnahme von Zuhause weggelaufen.

Jeder zweite Fall innerhalb von zwei Wochen beendet

Gut jeder zweite Fall bei Kindern unter 14 Jahren konnte laut dem Bericht nach spätestens zwei Wochen beendet werden. Jeder dritte Fall dauerte nur fünf Tage.

Nur „jede achte Inobhutnahme dauerte mit drei Monaten oder mehr jedoch vergleichsweise lang“, heißt es im Bericht.

Kinder und Jugendliche über 14: unbegleitete Einreisen und überforderte Eltern

Bei Kindern und Jugendlichen von 14 bis 18 Jahren waren 2021 unbegleitete Einreisen aus dem Ausland der Hauptgrund für Inobhutnahmen. 38 Prozent der knapp 27.400 Inobhutnahmen in dieser Altersgruppe fanden aus diesem Grund statt.

Außerdem kam es zu Inobhutnahmen wegen:

  • Überforderungen der Eltern (24 %)
  • allgemeine Beziehungsprobleme (12 %)

Fast jeder dritte Jugendliche sei vor der Inobhutnahme von Zuhause ausgerissen.

Während der Inobhutnahme waren die meisten Kinder und Jugendliche in einer Einrichtung wie einem Heim untergebracht. Anschließend kehrte über ein Drittel (35 %) wieder an ihren bisherigen Lebensmittelpunkt zurück.

„Knapp ein weiteres Drittel der Kinder und Jugendlichen bekam dagegen ein neues Zuhause in einer Pflegefamilie, einem Heim oder einer betreuten Wohnform (31 %).“

Quellen

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