Kinder ertrinken lautlos und in wenigen Sekunden: Diese 7 Warnsignale müssen alle Eltern kennen

Mädchen unter Wasser droht zu ertrinken
Ertrinken sieht anders aus als im Film
© Unsplash/ Mariano Nocetti

In Nordhessen trieb am Wochenende ein 2-Jähiger eineinhalb Minuten lang unter Wasser im Nichtschwimmerbecken. Schließlich zog ihn eine Krankenschwester aus dem Becken, reanimierte ihn und rettete dem Jungen so das Leben. Offenbar hatte kein anderer Badegast bemerkt, dass der kleine Junge ertrinkt. Denn Kinder ertrinken ganz anders, als wir es uns vorstellen: lautlos und in wenigen Sekunden – und es braucht auch kein tiefes Wasser dafür.

Das Wichtigste in Kürze:

  • In Nordhessen wäre ein 2-Jähriger Junge im Nichtschwimmerbecken fast ertrunken. Wieso hat das keiner bemerkt?
  • Kinder Ertrinken anders, als wir es uns vorstellen: vor allem lautlos und schnell.
  • Diese 7 Warnsignale sollten alle Eltern kennen: so sieht ein ertrinkendes Kind aus.

Badeunfälle: Laut Statistik sind im letzten Jahr 46 Kinder ertrunken

Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft erstellt jedes Jahr eine „Statistik Ertrinken“. Laut dieses Daten sind im letzten Jahr 46 Kinder und Jugendliche in Seen und anderen Gewässern ertrunken – 20 davon waren jünger als zehn Jahre. Flüsse und Seen – vor allem dann, wenn sie nicht von einer Badeaufsicht überwacht werden – sind dabei das größte Risiko. Doch gerade für kleine Kinder werden auch Planschbecken oder die Regentonne immer wieder zur Lebensgefahr. Denn: Kinder ertrinken ganz anders, als wir es uns vorstellen.

„Um Hilfe schreien ist unmöglich“: Darum ertrinken Kinder lautlos

Wenn man an einen ertrinkenden Menschen denkt, dann kommen uns sofort Bilder aus Filmen in den Kopf: wildes Wedeln der Arme, Hilfeschreie und Wasser, das herumspritzt. Mit der Realität hat das allerdings sehr wenig zu tun. Das macht es besonders bei Kindern so schwer, eine Notsituation gleich zu erkennen.

Dr. Michael Sasse von der medizinischen Hochschule Hannover erklärt, dass bei ertrinkenden Kindern mehrere Vorgänge gleichzeitig ablaufen, die es ihnen unmöglich machen, sich zu wehren oder eigene Rettungsversuche zu unternehmen:

„Kleinkinder halten beim Eintauchen des Gesichtes in Wasser die Luft an. Die Atmung ist blockiert. Deshalb können sie selbst in flachen Bächen ertrinken, ohne dass der ganze Körper unter Wasser ist. Gleichzeitig verschließen sich die Stimmritzen im Kehlkopf – um Hilfe schreien ist unmöglich. Zusätzlich hören die Kinder auf, sich zu bewegen. Sie ertrinken, ohne sich gegen das Ertrinken zu wehren.“

Trockenes Ertrinken bei Kleinkindern ist sehr selten

Durch diesen sogenannten Stimmritzenkrampf (Laryngospasmus) wird die Atmung blockiert. Kinder können dadurch ertrinken, ohne dass ein einziger Tropfen Wasser in die Lungen gelangt. Häufig wird daher auch vom „trockenen Ertrinken“ gesprochen. Das passiert aber wirklich sehr selten!

Die viel größere Gefahr besteht darin, dass Kinder sich in einer Notsituation im Wasser nicht bemerkbar machen können. Und Kinder ertrinken schnell. Die Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) warnt: „Kinder ertrinken in 30 bis 90 Sekunden“. Daher ist es extrem wichtig, eine Notsituation schnell zu erkennen und zu handeln.

Warnsignale erkennen: So sieht ein ertrinkendes Kind aus

  • Ertrinkende Kinder schreien nicht nach Hilfe.
  • Ertrinkende Kinder können durch Winken nicht auf sich aufmerksam machen – sie strecken ihre Arme instinktiv seitlich aus und drücken sie auf die Wasseroberfläche, um sich über Wasser zu halten.
  • Ertrinkende Kinder können nicht mehr schwimmen, sie verharren an einer Stelle.
  • Der Körper ertrinkender Kinder steht meist senkrecht im Wasser, sie benutzt ihre Beine nicht, um sich über Wasser zu halten.
  • Der Kopf liegt tief im Wasser, der Mund befindet sich an der Wasseroberfläche.
  • Der Kopf ist nach hinten geneigt, der Mund geöffnet.
  • Für kleine Kinder bis drei Jahre gilt: Sie gehen unter wie ein Stein.

Aufgrund der Kopfgröße ist der Körperschwerpunkt von Kleinkindern ein anderer und sie kippen leicht vorne über. Das Problem dabei ist, dass sie es auch im Wasser nicht schaffen, sich wieder aufzurichten und verlieren unter Wasser die Orientierung. So ist das wohl auch bei dem 2-Jährigen aus Nordhessen passiert.

Hier kannst du den Selbsttest machen: Erkennst du das ertrinkende Kind im Wasser?

Gefahren-Quellen zum Ertrinken

Meistens denken wir direkt an ein großes Schwimmbecken, wenn wir über Gefahren-Situationen zum Ertrinken nachdenken. In Schwimm- oder Freibädern passieren aber dank der ausgebildeten Rettungskräfte nur wenige Unfälle. Anders sieht das aus, bei unbewachten Gewässern oder eben im eigenen Zuhause.

„Mit dem Aufenthalt am Wasser – ganz gleich in welcher Form – geht gerade für kleine Kinder ein erhöhtes Sicherheitsrisiko einher“, mahnt die Präsidentin der DLRG, Ute Vogt.

Damit meint sie, dass Kinder nicht nur beim Schwimmen ertrinken können, auch beim Spielen am Gartenteich oder dem Planschbecken kann es schnell zu einem Unglück kommen, genauso beim einfachen Picknick am Fluss.

: Mehr dazu

Am 10.06.23 ist deutschlandweiter Kindersicherheitstag. In diesem Jahr steht er unter dem Motto „Sicherheit im und am Wasser“ und soll auf die Gefahren für Kinder durch Ertrinken aufmerksam machen.

Eine besonders unterschätze Gefahr ist auch die Regentonne im Garten. Die Kinder wollen vielleicht beim Blumengießen helfen und beugen sich zu weit in die Tonne hinein. Wenn das Kind nun kopfüber in das Wasser fällt, hat es keine Chance, selbst wieder herauszukommen.

7 Tipps für sicheren Wasserspaß diesen Sommer

Damit in diesem Sommer weniger Unfälle passieren, gibt die DLRG zum Kindersicherheitstag wichtige Tipps, wie der Badespaß für die Kleinen sicherer gestaltet werden kann.

Sicher im Garten:

  • Gartenteiche und offene Wasserstellen am besten mit einem Zaun umranden.
  • Regentonnen sollten mit einem abschließbaren Deckel verschlossen sein.
  • Planschbecken nach der Benutzung vollständig entleeren, feste Pools unbedingt abdecken.
: Sicheres Zuhause

Grundstückseigentümer:innen müssen selbst dafür sorgen, dass mögliche Gefahrenstellen wie Teiche abgesichert sind. Das gilt auch, wenn die Nachbarskinder dort spielen kommen. Aber: Erziehungsberechtigte tragen die Aufsichtspflicht für minderjährige Kinder.

Sicher unterwegs:

  • Nur an bewachten Badestellen schwimmen und auf Warnhinweise achten.
  • Mindestens ein Erwachsener sollte immer mit im Wasser sein, am besten in Griffweite der Kinder.
  • Kinder so früh wie möglich mit dem Wasser vertraut machen und eigene Baderegeln vereinbaren.
  • Luftmatratzen oder andere Wasserspielzeuge sind keine sicheren Schwimmhilfen und sollten diese nie ersetzen.

Der einfachste Weg, Kinder vor den Gefahren im Wasser zu schützen, ist sie zu sicheren Schwimmer:innen zu machen. Wie Kinder am besten das Schwimmen lernen und wann Kinder sichere Schwimmer sind, liest du hier.

Und wenn doch etwas passiert ist? Auf Anzeichen des „sekundären Ertrinkens“ achten

Hatte dein Kind einen Badeunfall und konnte rechtzeitig gerettet werden, dann ist es wichtig, es in den nächsten Stunden noch genau zu beobachten. Unter Umständen kann es zum sogenannten sekundären Ertrinken vorkommen.

Beim sekundären Ertrinken ist Wasser in die Lungen gekommen. Dieses hat die Lunge als Schutzreflex zunächst in die Blutbahn abgegeben. Im Laufe von 12 bis 24 Stunden kommt es innerhalb des Blutkreislaufes dann wieder zum Ausgleich. Das heißt: Die überschüssige Flüssigkeit (das Wasser) gelangt über den Lungenkreislauf auch wieder in die Lunge. Und das bezeichnet man dann als sekundäres Ertrinken.

Dafür kann es schon ausreichen, wenn das Kind nur kurze Zeit unter Wasser geraten war. Einige Experten vermuten, dass nur wenige Milliliter Wasser in der Lunge das sekundäre Ertrinken auslösen können – etwa zwei Milliliter pro Kilogramm seien gefährlich. Bei einem normalgewichtigen Dreijährigen (etwa 14 Kilogramm) reichen also 28 Milliliter aus – das sind zwei bis drei Esslöffel.

Oft werden Husten, Atemlosigkeit, Müdigkeit, Vergesslichkeit, erhöhte Temperatur oder Fieber, Übelkeit und Erbrechen oder bläuliche Lippen als erste Anzeichen vom sekundären Ertrinken erwähnt. Es ist aber extrem schwer die Anzeichen zu erkennen. Daher solltest du nach einem Badeunfall zur Sicherheit immer einen Arzt aufsuchen.

Aber bitte beachte: Das sekundäre Ertrinken ist ein sehr seltenes Phänomen! Es macht nur ein bis zwei Prozent aller Ertrinkungsunfälle bei Kindern aus.

Quellen