Warum stecken Eltern ihr Kind mit unter 1 schon in die Krippe?

Baby spielt in Krippe
Viele Eltern können es kaum erwarten, ihre kleinen Babys abzugeben - warum?
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Klar, es ist gut, dass es die Möglichkeit gibt, sein Baby betreuen zu lassen. Vor allem für Alleinerziehende, die dringend Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Aber manche Eltern scheinen einfach froh zu sein, wenn sie ihr anstrengendes Kind los sind – das ist nicht nur falsch, sondern auch egoistisch, sagt der zweifache Vater Mark.

Mit zehn Monaten in die Krippe – warum?

Vor einiger Zeit trafen wir uns mit einer alten Bekannten. Sie ist zum ersten Mal Mutter geworden und hatte ihre kleine Tochter dabei. Der süße Fratz wurde angemessen bewundert, dann plauderten wir über dies und jenes. Schließlich äußerte unsere Bekannte den Satz: „Im Oktober kann ich die Kleine dann auch endlich in die Krippe geben“.

Ihre Tochter ist dann zehn Monate alt. Und wird jeden Tag fünf bis sechs Stunden in der Krippe verbringen, während Mama wieder arbeiten geht. Die Kleine kann weder laufen noch auf eigenen Beinen stehen. „Mama“ sagen kann sie auch noch nicht und von fester Nahrung ist sie sowieso ein gutes Stück entfernt. Kurz gesagt: Sie ist ein ganz normales Baby in diesem Alter.

Ist es egoistisch, ein kleines Baby in fremde Hände zu geben?

Für unsere Bekannte schien es eine große Erleichterung zu sein, dass dieser völlig auf seine Eltern angewiesene Mensch mehrere Stunden am Tag fremdbetreut wird. Und vielleicht war es das, was mich so gestört hat.

Um eines klarzustellen: wer aus finanziellen Gründen darauf angewiesen ist, zu arbeiten, hat keine andere Wahl als die Krippe oder eine Tagesmutter. Das trifft natürlich besonders auf Alleinerziehende zu, die schauen müssen, wie sie das Geld für Miete und Lebensunterhalt auftreiben. Oder auf Familien in Städten wie München, wo eine 3-Zimmer-Wohnung schon mal 1.500 € kalt kostet. Und nicht alle haben Großeltern zur Verfügung, die den Nachwuchs bespaßen.

Es ist also wichtig, dass es die Option für professionelle Kinderbetreuung gibt.

Unsere Bekannte ist weder alleinerziehend noch in finanzieller Not. Ihr Partner hat einen offenbar gut bezahlten Job und die Miete können sie sich locker leisten. Sie will aber unbedingt wieder arbeiten, was natürlich ihr gutes Recht ist. Trotzdem finde ich es zu diesem Zeitpunkt falsch und ein Stück weit egoistisch. Nicht, weil sie eine Frau ist und Mütter immer unbedingt beim Kind bleiben müssen. Sondern, weil es für das Kind schlecht ist.

Babys sind anstrengend – das weiß man aber vorher schon

Ich kenne inzwischen einige derartige Fälle. Finanziell gut ausgestattete Eltern, die regelrecht froh waren, wenn der Krippenplatz endlich gesichert war. Ein früherer Arbeitskollege gab sein Kind mit sieben Monaten ab und fand das völlig legitim. Für mich wäre es die Hölle auf Erden gewesen, mein Baby in diesem Alter fremden Menschen zu überlassen. Kein Job der Welt bezahlt mir das Gefühl, das doch das schönste überhaupt ist: Zeit mit einem kleinen Menschen zu verbringen. Meinem kleinen Menschen.

Warum finden es andere Eltern dann so erstrebenswert, ihre Babys schnellstmöglich loszuwerden? Der Verdacht liegt nahe, dass es ihnen zu anstrengend ist, sich tagein, tagaus um das Kind zu kümmern. Soll es doch jemand anderes machen.

Und: Ja, es ist stressig. Wenn ein schlecht gelaunter Zwerg stundenlang schreit und Windeln im Akkord vollmacht, vergisst man als Eltern schonmal einen ganzen Tag lang das Essen und Trinken. Und duscht nur noch äußerst unregelmäßig. Vier Stunden Schlaf am Stück sind Luxus und privates Freizeitvergnügen erscheint höchstens als Fata Morgana am fernen Horizont.

Aber: That’s the game. All diese Dinge weiß man schon, bevor man ein Kind kriegt.

Kleine Kinder brauchen Bindung und Stabilität

Es mag nicht alles rosig sein, es mag Tage geben, an denen man einfach keinen Bock mehr hat, aber: man muss da halt durch. Meiner Meinung nach mindestens 15 Monate lang oder sogar eineinhalb Jahre, wenn es finanziell machbar ist. Und zwar dem Kind zuliebe. Denn wie soll ein kleines Wesen jemals eine stabile Beziehung zu seinen Eltern aufbauen, wenn es schon weit vor seinem ersten Geburtstag ständig herumgereicht und von fremden Personen gewickelt und gefüttert wird? Wenn Mama und Papa höchstens abends mal Zeit für Körperkontakt und Ansprache finden?

Vielleicht spreche ich aus einer privilegierten Position heraus, weil die Mutter meiner Kinder auf eigenen Wunsch eine mehrjährige berufliche Auszeit eingelegt hat. Aber wenn das nicht der Fall gewesen wäre, dann hätte ich es eben gemacht.

Es mag natürlich Argumente geben, die für die Krippe sprechen: Zum Beispiel, dass Kinder dort schon früh Kontakt zu Gleichaltrigen kriegen. Klar – aber geht das nicht auch über Krabbelgruppen oder Spielplatz-Treffs? Und wie intensiv spielen zehn Monate alte Babys wirklich miteinander? Meine Kinder waren in diesem Alter hauptsächlich damit beschäftigt, Dinge in den Mund zu nehmen und Spielzeugautos eingehend zu betrachten.

Väter sind bei der Kinderbetreuung genauso gefragt wie Mütter

Oft heißt es außerdem, dass Frauen keine Karrierenachteile haben dürfen, nur weil sie ein Kind bekommen haben. Das ist komplett richtig, aber kein Argument dafür, einen so kleinen Menschen ohne Not in fremde Hände zu geben.

: passend dazu: der Väterreport 2023

Wer nicht alleinerziehend ist, hat üblicherweise einen Partner, der in der Erziehungsarbeit die gleiche Rolle spielen sollte. Arbeitszeit reduzieren, Elternzeit nehmen, Bekannte stundenweise einbinden: es gibt Möglichkeiten, dem Kind gerecht zu werden und gleichzeitig im Job präsent zu sein.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Menschen Kinder kriegen und dann davon ausgehen, ihr Leben ließe sich wie davor weiterführen. Das ist nun mal nicht so. Kinder bedeuten einen Einschnitt über viele Jahre hinweg. In privater wie beruflicher Sicht. Aber es ist nun mal ein sehr schöner Einschnitt.