Vom Zusammenleben mit einem unerschrockenen Kind

„Ich lach‘ dir ins Gesicht, Gefahr!“ – Vom Zusammenleben mit einem unerschrockenen Kind

Das Leben mit einem Kind, dem kein Baum zu hoch, keine Schlucht zu breit und keine Gefahr zu groß sein kann? Manchmal definitiv eine Zitterpartie! Wie man damit umgeht und warum Verbote nur wenig helfen? Unser Autor Markus Kirschbaum erzählt von seinem kleinen furchtlosen Entdecker.

Kinder klettern auf einem Baum
"Nicht so hoch, du tust dir noch weh!" Besorgete Eltern haben bei ihrem furchtlosen Nachwuchs mit Verboten oft keine Chance. © Unsplash / Annie Spratt

Wo ist der Zwerg denn jetzt schon wieder?

Unser Großer war schon immer ein motorischer Überflieger, ausgestattet mit einer ordentlichen Portion Wagemut. Sobald er vorwärts kam, was nebenbei bemerkt recht früh der Fall war, bewegte er sich meist in eine Richtung: der Gefahr entgegen! Bereits im zarten Alter von acht Monaten musste man den Knirps regelmäßig aus luftigen Höhen klauben. Möbelstücke und freistehende Leitern übten eben eine magische Anziehungskraft auf ihn aus!

Schmerzen? Kennt dieses Kind nicht!

Garniert ist das ganze bis heute mit einer nahezu unheimlich anmutenden Schmerzunempfindlichkeit. Niemals werde ich vergessen wie Söhnchen – damals knapp drei Jahre alt – auf dem Spielplatz barfuß in eine Glasscherbe getreten ist. Eine gigantische Blutspur hinter sich herziehend, kam er lachend zu mir gehumpelt und meinte lapidar: „Hab‘ ein kleines Aua!“ Er ist wohl auch das einzige Kind, das sich auf die Impfungen beim Kinderarzt freut. (O-Ton: „Das kitzelt so schön!“)

Hörst du mich, Gefahr? Ich lach‘ dir ins Gesicht!

Und Sohnemann ist eben auch das Kind, das anderen Kindern aus meterhohen Baumkronen zuwinkt, in der Boulderhalle aufgrund seiner Waghalsigkeit Kletterer zum Staunen bringt und im Freizeitpark mit den Betreibern diskutiert, warum er denn nicht in die Achterbahn mit den fünf Loopings einsteigen darf. Das ist doch völlig egal, dass die erst ab 16 Jahren ist erlaubt ist!

Nein, mit einem solchen Kind hat man es nicht immer leicht. Vor allem, weil der Kleine felsenfest davon überzeugt ist, dass ihn nichts und niemand stoppen kann. Gefahr ist eben da, um ihr ins Gesicht zu lachen!

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Verbote? Zwecklos!

Wieso also nicht zehn Meter hoch klettern? Er fällt bestimmt nicht runter! Warum beim Bouldern in luftiger Höhe keine gewagten Sprünge üben? Da ist doch sowieso eine Matte drunter! Weshalb keinen Handstand in der Badewanne machen? Milchzähne sind überbewertet, die fallen ja doch bald aus!

Ich habe gemerkt: Verbote sind zwecklos! Schließlich kann ihn niemand besser einschätzen, als er sich selbst. Und in dieser Hinsicht ist er stur wie ein Esel. Wenn er überzeugt ist, dass er etwas schafft, dann ist er von nichts und niemandem vom Gegenteil zu überzeugen!

Manchmal kommt die Einsicht – wenn auch nur für kurze Zeit…

Was eher klappt, auch wenn es im wahrsten Sinne des Wortes wehtut: Situationen, in denen es eben nicht reibungslos gelaufen ist! Wenn wir gerade in der Unfallstation im Krankenhaus sitzen, um nach einem gewagten Sprung den Ellenbogen röntgen zu lassen zum Beispiel. Oder wenn wir ein Coolpack aufs Auge drücken, weil die Landung vom Birnenbaum im Garten nicht ganz so sanft war.

Dann – und nur dann – erkennt der kleine Wilde kurzzeitig, dass körperliche Unversehrtheit eben doch keine Selbstverständlichkeit ist. Dann sind Vereinbarungen und Kompromisse, wie zum Beispiel eine maximale Höhe beim Klettern, möglich.

So lange zumindest, bis der Höhenrausch wieder zuschlägt. Ich fürchte, das ist bei ihm genetisch. Aber von mir hat er DAS nicht!