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Pille für den Mann: Bald Revolution für die Verhütung?!

Schluss mit Spirale, Verhütungspflaster und Kupferkette? Abgesehen vom Kondom waren Männer von jeglichen Verhütungsmethoden befreit – bis jetzt. Denn ein neuer Wirkstoff könnte die Anti-Baby-Pille für den Mann möglich machen.

Mit dem neuen Wirkstoff könnten auch Männer die Anti-Baby-Pille nehmen.
Mit dem neuen Wirkstoff könnten auch Männer die Anti-Baby-Pille nehmen.
© Pexels/ Pixabay

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Pille für den Mann: Nachfrage besteht

Die Pille wird als Verhütungsmittel bei Frauen immer unbeliebter. Vor allem wegen Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Kopfschmerzen und Libidoverlust entscheiden sich immer mehr Frauen dazu, die Pille abzusetzen, alternative Verhütungsmethoden zu nutzen oder die fruchtbaren Tage zu berechnen.

Möchte Mann dagegen aktiv verhüten, bleibt ihm entweder das Kondom oder eine Vasektomie. Dabei wäre eine Pille für den Mann für viele durchaus denkbar: Laut dem österreichischen Verhütungsreport würden 39 Prozent eine wirksame reversible Methode anwenden, wenn es denn eine gäbe. Die Nachfrage besteht also, nur das Angebot ist nicht vorhanden – noch nicht. Wissenschaftler tüfteln nämlich schon seit Jahren an einer alternativen Verhütungsmethode für Männer. Forscher versuchen schon seit Jahren, eine sichere und effektive Version der Anti-Baby-Pille für Männer mit weniger Nebenwirkungen zu entwickeln. Die Ergebnisse waren jedoch immer eher ernüchternd.

Pille für den Mann: Welche Forschungsansätze gibt es?

Zuallererst: Wenn man von der „Pille für den Mann“ spricht, ist nicht DIE Pille gemeint. Vielmehr ist diese Bezeichnung ein Oberbegriff für verschiedene Methoden, an denen in den letzten Jahren geforscht wurde. Er umfasst also sowohl orale Medikamente als auch Spritzen oder Gele.

Testosteron-Spritze: WHO-Studie abgebrochen

Die Uniklinik Münster testete bis August 2011 weltweit im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam mit neun weiteren Forschungszentren eine Gestagen-Testosteron-Kombination als regelmäßige Verhütungsspritze. Die Studie wurde allerdings vorzeitig abgebrochen, weil die Probanden über Nebenwirkungen wie Akne, Schmerzen an der Einstichstelle oder teils starke Stimmungsschwankungen berichteten.

Der Abbruch der Studie stieß vor allem bei Frauen auf Unverständnis. Unter ihnen die Journalistin Julia Seeliger. Sie kritisierte beispielsweise ihrem Artikel „Schlucken, marsch marsch!„, dass bei Frauen und Männern hier mit zweierlei Maß gemessen werden würde. Während Symptome wie Depressionen und Stimmungsschwankungen bei Frauen als Nebenwirkung der Pille akzeptiert werden, sei dies bei Männern nicht der Fall.

Gendarussa Pflanze: Pille aus Indonesion

Der staatlich geförderte Pharmakonzern „Indoframa“ forscht gerade ebenfalls zum Thema Pille für den Mann. Die Ansatzpunkte sind dabei die Wirkstoffe der Pflanze Gendarussa, die in Indonesien natürlich vorkommt und dort bereits seit mehreren 100 Jahren als Tee zur Verhütung von Männern verwendet wird. Die Pflanze soll bestimmte Enzyme hemmen, die für das Eindringen des Spermas in die Eizelle notwendig sind. Vorteil der Pille: Für den Mann gibt es keine Nebenwirkungen. Nach dem Absetzen des Präparats soll er wieder relativ schnell zeugungsfähig sein. Mit dieser Pille soll Mann ohne Hormone verhüten können.

„Ob das Verfahren jedoch jemals zur Marktreife gelangt, wird sich nach Einschätzung der beteiligten Forscher frühestens in einigen Jahren klären“, informiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Zunächst muss es sich in weiteren klinischen Studien als wirksam und sicher erweisen, um als Medikament zugelassen zu werden.“

Transport blockiert: Pille ohne Nebenwirkungen?!

Auch in Australien beschäftigt man sich mit der Pille für den Mann. Die Forscher arbeiten daran, ein Medikament zu entwickeln, das den Transport des Spermas während der Ejakulation verhindern soll. Die hormonfreie Pille könnte die bisherigen Nebenwirkungen umgehen, die eine Marktfähigkeit der männlichen Empfängnisverhütung bislang verhindert haben.

„Wir nähern uns der Entwicklung eines überzeugenden, sicheren, effektiven und hormonfreien oralen Verhütungspräparats für Männer“, zitiert die „Ärztezeitung“ den führenden Wissenschaftler des Vorhabens vom Monash Institute of Pharmaceutical Sciences Dr. Sab Ventura. „Durch unseren hormonfreien Ansatz werden die Spermien nicht geschädigt, und die Fruchtbarkeit ist nach Absetzen der Medikamente wiederhergestellt.“

Vasagel: Verhütungsspritze für ihn

Die Non-Profit Organisation „Parsemus Foundation“ forscht gerade an einem nicht-hormonellen Gel, dass als Pille für den Mann benutzt werden soll. Das Vasalgel wird in den Samenleiter gespritzt und funktioniert dabei wie ein Sieb: Die Spermien werden daran gehindert, in die Samenflüssigkeit zu gelangen. Auf diese Weise kommt es beim Orgasmus zur Ejakulation, ohne dass Spermien die Eizelle der Frau erreichen können.

Die Wirksamkeit dieser Verhütungsmethode wurde bereits erfolgreich and Rhesusaffen getestet. Jetzt stehen noch die erforderlichen klinischen Studien am Menschen für diese Pille für den Mann an.

Samenleiterventil: Schalter für sein Sperma

Eine ganz andere Herangehensweise an das Thema „Pille für den Mann“ ist das Samenleiterventil. Bei einem ambulanten Eingriff werden hier die Samenleiter und je ein Ventil eingesetzt. Durch das Ventil wird der Fluss der Spermien reguliert. In geschlossenem Zustand ist der Mann steril. Stellt man den Schalter auf „offen“ gelangen die Spermien ins Ejakulat und der Mann ist wieder zeugungsfähig. Das Ventil soll laut Angaben des Erfinders lebenslang im Körper bleiben können.

Doch auch fehlen die nötigen klinischen Studien, denn dem Unternehmen fehlt das nötige Geld, um diese durchführen zu können. Mehr Informationen zum Samenleiterventil findest du hier: „Diese Erfindung könnte die hormonfreie Verhütung revolutionieren: Das Internet hasst sie“.

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Pille für den Mann: Forschungsdurchbruch in den USA?

Die bisherigen Forschungsergebnisse in Richtung „Pille für den Mann“ waren also bis jetzt immer eher ernüchternd. Das könnte sich jetzt aber ändern: Ein amerikanisches Forscherteam hat nämlich einen hormonellen Wirkstoff gefunden, der die körpereigene Testosteronproduktion in den Hoden und somit die Spermienproduktion stoppen kann.

Der Unterschied zu den anderen Forschungsansätzen: Die Forscher der University of Washington haben den Wirkstoff mittlerweile auch schon erfolgreich auf Sicherheit und Verträglichkeit getestet. Die Ergebnisse der ersten Studie mit dem Wirkstoff wurden Ende März beim Jahrestreffen der Endocrine Society präsentiert.

Komplizierter Name – aber große Wirkung

Der Inhaltsstoff der Pille heißt 11-beta-Methyl-19-Nortestosteron-Dodecylcarbonat (11-beta-MNTDC). Das hört sich jetzt erstmal sehr kompliziert an, ist aber einfach ein modifiziertes Testosteron, das die Spermienproduktion reduziert und gleichzeitig die Libido nicht beeinflusst. In einer Mitteilung erklärt Studienleiterin Dr. Christina Wang vom Los Angeles Biomed Research Institute, dass durch den Wirkstoff die Spermienproduktion nicht dauerhaft reduziert wird. Das bedeutet, dass sich der Effekt nach dem Absetzen der Pille auch wieder normalisieren würde, selbst wenn der Wirkstoff über einen längeren Zeitraum eingenommen wurde. Aus diesem Grund müsste die Pille für den Mann dann auch täglich und ohne Pause genommen werden.

Die Studie: 40 Männer, 28 Tage

Die Pille wurde bisher in einer Studie mit 40 gesunden Männern im Alter zwischen 18 und 50 getestet. Darin haben 30 Männer den Wirkstoff an 28 Tagen einmal täglich eingenommen – die restlichen 10 Männer erhielten ein Placebo. Das Ergebnis: Bei allen 30 Probanden sank der durchschnittliche Testosteronspiegel deutlich. Weil der Wirkstoff aber zwischen 60 und 90 Tage braucht, bis er die Spermienproduktion wirklich beeinflusst, sind 28 Tage zu kurz, um die optimale Reduktion zu beobachten, erklärt Wang in der Mitteilung. Die Studie hat aber zumindest schon gezeigt, dass der Wirkstoff sicher zu konsumieren ist. Der nächste Schritt ist dann eine Studie mit einer längeren Testphase, damit auch die Wirksamkeit der Pille bestätigt werden kann.

Wie sehen die Nebenwirkungen aus?

In Bezug auf Nebenwirkungen zeigt sich, dass Effekte wie Kopfschmerzen oder Akne bei den Teilnehmern fast gar nicht auftraten. Fünf Männer meldeten eine leichte Reduktion der Lust – und zwei Teilnehmer gaben an, eine leichte Erektionsstörungen erlebt zu haben. Die Nebenwirkungen waren jedoch bei keinem Mann so stark, dass die Teilnahme an der Studie abgebrochen wurde. Deshalb stufen die Forscher die Nebenwirkungen grundsätzlich als mild ein.

Wann kommt die Pille auf den Markt?

Der Wirkstoff 11-beta-MNTDC ist bereits das zweite vielversprechende Verhütungsmittel für Männer, das in den vergangenen Jahren getestet wurde. Die Ergebnisse des anderen Wirkstoffes waren letztes Jahr aber deutlich schlechter. Diese Verbesserung deutet offensichtlich auf eine positive Entwicklung in Richtung Anti-Baby-Pille für den Mann hin.

Aber nicht zu früh gefreut: Die Experten nehmen an, dass je nach Verlauf der weiteren Tests, die Pille für den Mann erst in etwa 10 Jahren auf den Markt kommen könnte. 10 Jahre erscheint jetzt erstmal sehr lange, dieser Zeitraum ist aber nötig, damit auch bestätigt werden kann, dass die Pille nicht nur sicher zu konsumieren, sondern auch effektiv gegen ungewollte Schwangerschaft wirkt!

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Quellen:

  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Wann kommt die „Pille für den Mann“?,
    https://www.familienplanung.de/verhuetung/verhuetungsmethoden/pille-fuer-den-mann/, (letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Ambulatorium für Schwangerschaftsabruch und Familienplanung: Österreichischer Verhütungsreport 2019,
    http://verhuetungsreport.at/sites/verhuetungsreport.at/files/2019/Verhuetungsreport-2019-Web.pdf, (letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Deutsche Apotherzeitung: Wann kommt die Pille für den Mann?
    https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2016/daz-34-2016/wann-kommt-die-pille-fuer-den-mann, (letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Deutsche Ärztezeitung: Hormonfreie Pille für den Mann in der Entwicklung,
    https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/urologische-krankheiten/article/965114/verhuetung-pille-mann-entwicklung.html, (letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Bimek SLV – Die neue Verhütung für den Mann
    https://bimek.com/?lang=de, (letzter Zugriff: Juni 2019)
  • taz Verlags u. Vertriebs GmbH: Schlucken, marsch marsch!
    http://www.taz.de/Kolumne-Meer/!5115183/, (letzter Zugriff: Juni 2019)
  • Endocrine Society: Second potential male birth control pill passes human safety tests
    https://www.endocrine.org/news-room/2019/endo-2019—second-potential-male-birth-control-pill-passes-human-safety-tests, (letzter Zugriff: Juni 2019)