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Manchmal bin ich ein schlechtes Vorbild

vonMarkus Kirschbaum

Kinder lernen ja bekanntlich durch Imitation. Umso wichtiger ist es, dass Eltern ein gutes Vorbild abgeben. Aber müssen sie in dieser Rolle wirklich durchgehend glänzen? Nein, meint unser Autor und Papa Markus Kirschbaum.

vonMarkus Kirschbaum
© Pexels/ Yan

Es müsse doch schon reichen, wenn man sich unterm Strich nicht ganz so blöd anstellt, was die Vorbildwirkung angeht. Oder etwa nicht? Was meint ihr?

 

Vorbildwirkung? Ja, hab ich wohl überreicht bekommen…

Dass wir unsere Kinder nicht zu erziehen brauchen, weil sie uns sowieso alles nachmachen, das wusste schon Karl Valentin. Ich bin da mit dem großen Künstler grundsätzlich einer Meinung. Irgendwie bekommen wir die ominöse Vorbildwirkung wohl mit der Geburt des ersten Kindes überreicht und werden sie folgend nie wieder so richtig los.

Da gilt es als Papa oder Mama nun also, eifrig Lebenstüchtigkeit zu vermitteln sowie die richtigen Werte und Moralvorstellungen. Bloß, wo wir das Zeug hernehmen sollen, das verrät uns im Vorfeld irgendwie niemand. (Oder habe ich es etwa im Geburtsvorbereitungskurs verschlafen?)

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Nach einigen Jahren des Papadaseins behaupte ich nun aber reinen Gewissens: Das mit der Vorbildwirkung darf, soll und muss man ernst nehmen (Stichworte: Zigaretten, Alkohol, Gewalt – diese Dinge), übertreiben braucht man es deswegen aber noch lange nicht. Es reicht doch, wenn man den Großteil der Zeit ein gutes Vorbild ist, oder? Immerhin gibt es ja noch einen anderen Elternteil zum Ausgleich…

Meine Top 4 der schlechten Vorbildwirkung habe ich folgend für euch zusammengefasst. Und ja, ich stehe dazu!

1. Schokolade zum Frühstück

Kindern die Notwendigkeit gesunder Ernährung für Körper, Geist und Seele nahezubringen, steht wohl relativ weit oben auf der elterlichen Vorbild-Liste. Zumindest hört man überall davon, wie wichtig es ist, dass Mama und Papa dahingehend ein gutes Vorbild sind.

Viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte sind Pflicht, Zucker und Schokolade laaange Zeit tabu und Fast Food sowieso der Anfang vom Ende. Wer sein Kind liebt, ernährt es (und die gesamte Familie) nährstoffreich und pflichtbewusst, so ist das!

Meine Realität ist eine andere: Ich liebe Schokolade, bin Fast Food alles andere als abgeneigt und Fertiggerichte sind für mich vollwertige Mahlzeiten. Bei mir kommt es gut und gerne vor, dass der Schokoladenriegel als Frühstück herhalten muss. Vorbildwirkung gleich Null… Zum Glück habe ich eine Frau geheiratet, die das mehr als ausgleicht. Und – zu meiner Ehrenrettung – als die Kinder noch sehr jung waren, habe ich mich doch ziemlich zurückgehalten.

Witzigerweise schlägt eines unserer Kinder dahingehend mir nach (= schokosüchtig), das andere ist ein ernährungsbewusster Öko-Mensch geworden. Würde mich ja sehr interessieren, was nun der Grund dafür ist – die Gene oder die (schlechte) Vorbildwirkung?

: mein Kind, der Ökofreak

2. Es lebe die Notlüge!

Ich weiß, ich weiß, Lügen haben kurze Beine! Trotzdem kann ich es nicht lassen und greife relativ häufig zur bequemen Notlüge. Natürlich nur, um andere nicht vor den Kopf zu stoßen… Dem Kollegen frei heraus sagen, dass man keine Lust auf ein gemeinsames Bier hat? Wieso das denn? Mit Hilfe einer kleinen Magenverstimmung ziehe ich mich da weitaus geschickter aus der Affäre. Der Smalltalk mit der Nachbarin dauert zu lange und sie hört einfach nicht auf zu reden? Dann habe ich eben noch einen wichtigen Termin, der absolut nicht warten kann…

Notlügen schaden nicht, so meine bescheidene Meinung. Im Gegenteil, sie tun niemandem weh, sorgen für entspannte Stimmung und kommen – statistisch betrachtet – relativ häufig vor. Das kommuniziere ich auch meinen Kindern. Der Trick ist schlichtweg, zwischen „echten Lügen“ und „Notlügen“ zu unterscheiden… Da darf mich der Nachwuchs ruhig als Vorbild nehmen, wieso auch nicht!

3. Wo ist der Weg des geringsten Widerstandes?

Ohne Fleiß, kein Preis? Dem kann ich durchaus zustimmen, allerdings nur bedingt. Ich finde, man muss sich nicht immer bis zum Gehtnichtmehr verausgaben, sondern darf auch ruhig einmal den Weg des geringeren Widerstandes gehen. Ihr kennt doch bestimmt das Paretoprinzip? Mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes werden 80 Prozent der Ergebnisse erreicht! Hier bin ich meinen Kindern gerne Vorbild! Schließlich lässt sich das gut auf Schulleistungen umlegen und macht den Alltag mitunter stressfreier. Einfach ausprobieren!

4. Was raus muss, muss raus!

Wenn ihr irgendwo in Wien zwei Kinder wie die Rohrspatzen schimpfen und vor sich hinfluchen hört, dann sind das meine! Dahingehend sind nämlich weder meine Frau noch ich wirklich gute Vorbilder. Bei uns wird in manchen Situationen (meistens, wenn es um Sport, Politik oder Handwerkstätigkeiten geht) geschimpft und mit Kraftausdrücken um sich geworfen, dass es eine wahre Freude ist… Dahingehend ist bei uns Hopfen und Malz verloren. Oder anders gesagt: Was raus muss, muss raus!

: Wir finden es okay
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