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Vom täglichen Wahnsinn im Supermarkt

Die Tochter unseres Autors Markus Kirschbaum LIEBT Schokoriegel. Und Kinderzeitschriften. Und Luftballons. Und Zuckerjoghurts. Überhaupt kann sie ALLES gut gebrauchen. Dass viele Jahre lang jeder Supermarktbesuch zum Spießrutenlauf wurde, versteht sich daher fast von selbst.

Mit konsumfreudigem Kleinkind werden wenige Minuten zu gefühlten Stunden.
Mit konsumfreudigem Kleinkind werden wenige Minuten zu gefühlten Stunden.
© Bigstock/ romrodinka

Die Strategie der Werbeprofis? Geht auf!

Es gab da ein paar Jährchen im Leben meiner Tochter – so zwischen zwei und fünf Jahren – da hätte ich sie liebend gerne einem Werbepsychologen aufs Aug‘ gedrückt. Nur für einen gemütlichen Einkaufsbummel durch den nächsten Supermarkt. Ich bin mir sicher, ein Viertelstündchen geselligen Beisammenseins mit Trotz-Töchterchen wäre ausreichend gewesen, um zu verdeutlichen, wie GUT die Profis ihren Job machen. Und wie SCHLECHT das für Papas und Mamas Nerven ist – von denen aller anderen Kunden ganz zu schweigen!

Vielleicht mag die Strategie (Erziehungsberechtigter oder zufällig in Mitleidenschaft gezogene Person kauft Ü-Ei/Lutscher/Schokoriegel, weil er das Dauergekreische nicht länger erträgt) ja aufgehen, aber zu welchem Preis?

Supermarktbesuche mit Kind? Darauf hatte mich niemand vorbereitet!

Bekommt man ein Kind, bereitet man sich innerlich auf so einiges vor – höllisch viel Verantwortung, schlaflose Nächte, schwindende Ressourcen, stinkende Windeln… Das ist auch alles kein Problem! Damit rechnet man, plant es in den erschwerten Eltern-Alltag ein, arrangiert sich im Anlassfall damit, bekommt es im Endeffekt meistens sogar einigermaßen passabel auf die Reihe.

Aber ganz ehrlich: Auf Supermarktbesuche mit diesem habgierig-hysterischen Geschöpf von einem anderen Stern (auch Töchterchen genannt), darauf war ich wirklich nicht vorbereitet! Der große Bruder war dahingehend nämlich weitestgehend unauffällig. Ja, ab und zu mal sehnsuchtsvolle Blicke, Gebettel und Gezeter, das schon. Aber grundsätzlich hat er ein Nein ganz gut akzeptiert. Wenn nicht, waren da immer noch Papas außergewöhnliche Ablenkungs-Manöver. Die zogen fast immer!

Nun ja, Töchterchen war da ein ganz anderes Kaliber. Kurz nach ihrem zweiten Geburtstag fing es an. Lautstark kreischend tappte sie in ALLE von Werbepsychologen so perfekt ausgeklügelten Konsumfallen. Keine einzige ließ sie aus. Und das bei nahezu JEDEM Supermarktbesuch. Das einzige, das sich halbwegs sicher durchschreiten ließ, war die Obst- und Gemüseabteilung. Dann wurde es schwierig…

Spießrutenlauf im Supermarkt

Mal eben einen Liter Milch holen?

„PAPAAA! TOM TSCHERRIE JOGHURT UND FUUUUCHTZWERGE! BRAAAUCH ICH!“

 

Rasch Batterien in den Einkaufswagen legen?

„PAPAAA!!!! PUPPEEE UND LUBALLOOONS! HABEN WILL!“

(Merke: Haushaltsartikel sind so gut wie immer zwischen Spielzeug und Partyartikel platziert!)

Und dann diese quietschbunten Zeitschriften für Kinder, inklusive billig produziertem Spielzeug-Schrott. Die sind immer unmittelbar vor den Kassen zu finden.

 

„PAPAAA! PFEEED (Wendy), BÄÄÄR (Winnie Puuh) UND MICKIIII MAAAS!“

Bevor wir also auch nur in die Verlegenheit kamen, uns an der Kasse anzustellen (und dort – das wissen alle Eltern – wird es dann RICHTIG unangenehm), standen schon einmal zwei bis drei Mega-Trotzanfälle am Programm. Leider wusste Töchterchen auch ganz genau, wie man das richtig macht. So nämlich, dass man es auch noch drei Supermarkt-Gänge weiter hört.

Nur die Harten kommen durch die Kasse

War ich bis dahin aber halbwegs souverän geblieben, brach mir spätestens an der Kasse der Angstschweiß aus. Hübsch arrangiert weilt dort nämlich das Schlaraffenland. Ein zuckergewordener Traum für eine Naschkatze wie Töchterchen. Da führt kein Weg daran vorbei, zur Kasse muss man eben. Meine Erkenntnis aus diesen Tagen: Mit zuckersüchtigem und konsumfreudigem Kleinkind werden wenige Minuten zu gefühlten Stunden!

Unschöne Details erspare ich an dieser Stelle. Wer ein Kind wie mein Töchterchen hat, kennt sie ohnehin – inklusive entsprechender Kommentare der übrigen Kundschaft.

In bester Erinnerung ist mir hier der gut gemeinte Ratschlag einer älteren Dame geblieben:

„Tja, dann darf man halt nicht mit so kleinen Kindern einkaufen gehen!“

„Und was“, habe ich sie gefragt, „soll ich stattdessen mit ihnen tun? Sie daheim ans Tischbein binden? Oder lieber gleich verhungern lassen?“

Fand die Dame nicht so witzig. Ich auch nicht!

Ein Hoch auf die Werbepsychologie

Langer Rede, kurzer Sinn: In diesen Jahren gerieten meine Frau und ich mit unserer kleinen Konsum-Victim an so manche Grenze. Aber Zeit heilt ja bekanntlich so einiges und irgendwann sogar die schlimmsten Trotzanfälle. (WIRKLICH!)

Das heißt aber freilich nicht, dass das Zeug im Supermarkt nicht immer noch perfekt platziert ist. Ganz im Gegenteil! So häufig wie Töchterchen auch heute noch freudig verkündet, sie kauft sich nun das (zehnte) Bibi-Blocksberg-Heftchen oder den (zwölften) Schokoriegel mit ihrem eigenen Geld und hätte sich das wirklich reiflich überlegt, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als die klugen Werbepsychologen da draußen zu beglückwünschen:

Bei meiner Tochter habt ihr wirklich ganze Arbeit geleistet!