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„Papa, du bist sooo peinlich!“

Eigentlich dachte unser Autor Markus Kirschbaum, er hätte noch ein wenig Zeit. Aber nun hat er sich das Unvermeidliche doch eingestehen müssen: Eltern sind einfach peinlich!

Wenn aus „Ich hab dich lieb“ plötzlich  „Du bist so peinlich!“ wird
Wenn aus „Ich hab dich lieb“ plötzlich „Du bist so peinlich!“ wird
© Pixabay/ mintchipdesigns

Papa ist der Größte – in den ersten Jahren

Wie gestern kommt es mir vor, als es so verdammt einfach war, von seinen Sprösslingen angehimmelt zu werden. Viel brauchte es dazu nicht, die bloße Anwesenheit genügte. Kaum konnten die Zwerge bewusst lächeln, setzten sie auch schon das breiteste Grinsen auf, wenn man es sich irgendwo in ihrem Sichtfeld gemütlich machte. Ein großartiges Gefühl! Man war nicht mehr irgendjemand, man war jetzt ein waschechter Papa!

Auch in den Jahren danach war es ein Kinderspiel, von den Sprösslingen bewundert und angeschmachtet zu werden. Ein richtiger Papa, der kann eben einfach alles: Ball oder Theater spielen, Puppen tanzen lassen, Geschichten erfinden, auf hohe Bäume klettern, um verschreckte Kinder dort wieder runter zu pflücken, sagenhafte Legotürme bauen, Frösche malen – alles eben! Und der Nachwuchs? Der war selig über jede freie Minute, die man ihm schenkte und quittierte das mit klebrigen Schmatzern, wilden Umarmungen, ansteckenden Lachanfällen und ab und zu auch mit einem „Ich hab‘ dich lieb“ zum Dahinschmelzen!

Tja, so hätte es ruhig weitergehen können. Meinetwegen bis zum 18. Geburtstag. Tat es aber nicht! Seit einigen Monaten wird nämlich so manches „Ich hab ‚dich lieb“ von einem „Du bist so peinlich!“ abgelöst. Und ich Narr dachte, das hätte noch Zeit bis zur Pubertät! Wie naiv ich doch war.

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Der peinliche Papa? Der kam schleichend!

Zuerst fiel es mir kaum auf, muss ich gestehen. Dabei hätten die verschwörerisch zugeraunten Worte auf der Geburtstagsparty, als ich mich – ganz der coole Papa – unter die Wasserschlachten ausfechtende Meute mischen wollte, schon zu denken geben können. Das eine oder andere Alarmglöckchen hätte angesichts des unverblümten: „Papa, kannst du dich nicht da rüber setzen? Wir wollen ALLEIN sein!“ schrillen müssen. Später, beim Geburtstagskerzen entzünden kam es dann schon deutlicher zur Sprache. Und dass nur, weil ich – verantwortungsvoller Papa – das überdrehte Geburtstagskind nicht mit dem Feuerzeug hantieren lassen wollte, sondern selbst Hand angelegt habe.

Das genervte: „Mann, du bist so uncool! Ich bin doch kein Baby mehr!“ stieß auf zustimmendes Gemurmel. Tja, instinktiv wusste ich nun irgendwie: Ein neues Zeitalter war angebrochen! Das, in dem Papas (und auch Mamas wohlgemerkt) eben einfach nur peinlich sind. Aus nichtigen Gründen! Dabei dachte ich, das kommt erst, wenn sie jugendlich sind und ohnehin bald ausziehen. Tja, falsch gedacht.

Du bist sooo peinlich!

Erkenntnis der letzten Monate? So gut wie alles kann Grundschülern peinlich sein. Selbst Dinge, von denen man das im Leben nie vermutet hätte. Wenn der Papa bunte Socken trägt zum Beispiel. Oder ein liebevoll geschnittener Apfel in der Brotbox. Auch ein quer über den Spielplatz gerufenes: „Wir gehen nach Hause!“ kann einen in Bedrängnis bringen. Und Gott bewahre vor LIEBESBEKUNDUNGEN in der Öffentlichkeit. Das geht überhaupt nicht!

Zum Glück sind Eltern lernfähig

Zum Glück bin ich aber ein lernwilliger Papa und rede mir außerdem fest ein, dass ein herzhaftes „Du bist so peinlich!“ zu einem gelungenen Abnabelungsprozess dazugehört. Deshalb nehme ich also Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Nachwuchses. Ich halte mich in der Öffentlichkeit mit Küssen zurück und Äpfel werden sehr konsequent nicht mehr geschnitten. Meine bunten Socken behalte ich aber selbstverständlich an, denn schließlich rede ich meinen Kindern bei ihren Klamotten ja auch nicht drein. Gleiches Recht für alle!

Die Momente, in denen die Knirpse begeistert mit mir spielen, an meinen Lippen hängen oder mir ein zuckersüßes „Ich hab‘ dich lieb“ zuraunen, die lebe ich nun übrigens sehr viel bewusster. Weil ich mittlerweile eben ganz genau weiß, dass sie nicht selbstverständlich sind und in Sekundenschnelle von einem „Du bist so peinlich!“ abgelöst werden können.