"Aber das ist doch ein Bub!" - Wenn Stereotype einen verzweifeln lassen

„Aber das ist doch ein Bub!“ – Wenn Stereotype einen (ver-)zweifeln lassen

Unser Autor Markus Kirschbaum wurde auf der Straße des Öfteren auf seine beiden entzückenden Mädchen angesprochen. Das Besondere an der Sache? Markus hat keine zwei Mädels, sondern einen Buben und ein Mädchen. Dass das manchmal für Verwirrung sorgte und stereotype Floskeln auf den Plan gerufen hat, kann er bis heute nicht verstehen.

Kleiner Junge spielt mit Puppenhaus
Offenbar ist es für viele immernoch ein Problem, wenn sich Jungs für Puppen interessieren. Papa Kirschbaum kann das nicht verstehen. © Bigstock/ leadenpork

Typisch Mädchen, typisch Bub? Gibt’s nicht!

Für meine Frau und mich war eigentlich immer klar: Wenn es um Dinge wie Kleidung, Frisuren, Lieblingsspielzeug oder Hobbies geht, dann lassen wir unseren werten Nachwuchs einfach machen. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und so hat eben jeder seinen eigenen. Und da ist es ja irgendwie auch völlig egal, ob man drei oder dreißig ist, oder?

Tja, das möchte man meinen: Die Realität sieht – sogar in der Großstadt, wo man in der Masse untergeht – anders aus, so viel kann ich euch verraten. Und wenn sich ein kleiner Bub so gar nicht für – Achtung, verallgemeinernde Floskel – typisches Bubenzeug interessiert, dann eckt man irgendwie dauern an.

Anscheinen ist es ein Problem, wenn sich dein Bub nicht für Jungszeug interessiert

Wir lassen die Kinder einfach machen, das ist für meine Tochter gleichbedeutend mit: langen Haaren, Nagellack, Glitzerspangen und pink/rosa/violett in allen Schattierungen. Gerne auch: Puppen, Prinzessinnen, Feen und Elfen.

Wir lassen die Kinder einfach machen, das war für meinen Sohn gleichbedeutend mit: langen Haaren, Nagellack, Glitzerspangen und pink/rosa/violett in allen Schattierungen. Gerne auch: Puppen, Prinzessinnen, Feen und Elfen.

Sein präzise ausgewählter Stil, in Verbindung mit seinem fein geschnittenen Gesicht, sorgte dafür, dass Sohnemann bis zum Alter von fünf Jahren tatsächlich nicht als Bub zu erkennen war. Und diese Tatsache sorgte für eine Menge überraschter Blicke und ungebetener Ratschläge.

Dieses Kind hat gar kein Geschlecht. Die Eltern erklären, warum

Gute Ratschläge? Nein, danke!

Am Spielplatz, beim Einkaufen, sogar beim Kinderarzt: Hätte ich für jedes erstaunte: „Das ist ein Bub? Wirklich?“ einen Euro bekommen, wäre ich jetzt reich. Das allein ist nicht schlimm, denn wie gesagt: Er sah ja wie ein Mädchen aus! Was aber tatsächlich seltsam anmutet: Viel zu oft wurden Ausrufe des Erstaunens durch gute Ratschläge ergänzt, wie man dieses gar nicht bubenhafte Aussehen wieder gerade biegen könne. Wohlgemerkt: Wir hatten um keinen einzigen der guten Ratschläge gebeten! Da sollten Haare abgeschnitten und Nagellack von Kinderfingern gewischt werden. Außerdem müsse man natürlich die Kleidung wechseln. Blau-, Schwarz- oder Rottöne wären ganz gut. Und Autos natürlich. Star Wars, Superman oder Spiderman passen auch.

Tja, mein Sohn sah das völlig anders. Der fand das ziemlich mühsam und hat sich rasch angewöhnt bei jedem: „Du bist aber ein liebes Mädchen!“ süß lächelnd zu nicken und anschließend weiter sein Ding durchzuziehen. Auf gute Ratschläge konnte er nämlich gut verzichten. Auf lange Haare, Glitzerspangen, Nagellack und rosa Regenjacke aber nicht.

Sprüche der anderen waren meinem Sohn egal. Er zog einfach sein Ding durch.

Irgendwann – kurz vor Schulbeginn – fielen die langen Haare übrigens der Schere zum Opfer und die kleine Schwester erbte die rosa Regenjacke. Superman und Spiderman findet mein Sohn aber immer noch blöd. Dafür liebt er Fußball. Und Feen sind auch voll okay!