Muttermilchshakes, Plazentapillen und Co. - Das Geschäft mit der Geburt

Muttermilchshakes, Plazentapillen und Co. – Das Geschäft mit der Geburt

Sollen Mütter ihre Plazenta essen? Kann Muttermilch das Immunsystem stärken? Muss man das Nabenschnurblut einfrieren? Körpereigene Flüssigkeiten nach der Geburt werden immer häufiger als Wundermittel für verschiedene Probleme gehandelt. Aber sind Plazentapillen und Muttermilchshakes gesund – oder einfach Geldmacherei?

Glas mit Milch und Marshmallow-Herz
Sind Muttermilch und Plazenta wirklich Superfoods? Und ist Nabelschnurblut ein Lebensretter? © Pexels/ Acharaporn Kamornboonyarush

Muttermilch – das neue Superfood?

Schon seit langem wird Muttermilch für Erwachsene als Superfood und Wundermittel gehandelt. Deshalb wurde Muttermilch schon in vielen Formen angeboten. Anlässlich der Geburt des royalen Babys gab es in Großbritannien beispielsweise 2011 ein Muttermilch-Eis. Aber auch Lollipops mit Muttermilchgeschmack gab es in Amerika schon. In den meisten Fällen pumpen Frauen Muttermilch ab und verkaufen sie in der natürlichen Form an Erwachsene.

Online-Foren und Käufer schreiben der Muttermilch viele positive Effekte zu. So soll Muttermilch zum Beispiel helfen, das Immunsystem zu stärken, Muskeln aufzubauen, abzunehmen, und kann gegen Erektionsstörungen helfen. Außerdem wird Muttermilch von manchen sogar als krebsvorbeugend gehandelt.

Muttermilchshakes als Diätmittel

Die Britin Bianca Collins wurde verlassen, weil ihr Partner sie zu dick fand. Und das führte bei ihr, wie bei so vielen anderen Frauen auch, zum Frustessen. Donuts, Käsekuchen und Nutella – damit stopfte sie sich voll und nahm in kurzer Zeit drei Kleidergrößen zu. „Ich fühlte mich dick, hässlich und mein Selbstvertrauen war am Boden“, sagt sie gegenüber dem britischen Magazin Mirror.

Ein Freund konnte Collins dann überzeugen, ins Fitnessstudio zu gehen. Derselbe Freund bat ihr da einen pinken Shake an, der Collins super schmeckte. Es war ein Erdbeer-Proteinshake mit Muttermilch! „Ich war völlig verwirrt, doch mein Trainer versicherte mir, dass Muttermilch sehr viel Protein enthalte und man damit sehr gut abnehmen kann“, so Collins. Danach begann sie, Muttermilch in ihre Diät zu einzubauen. In Müslis, Shakes, Kaffees, Suppen und Soßen. Sie gab im Monat rund 450€ für die Milch aus. Aber laut Collins habe sich das gelohnt. In 18 Monaten habe sie so nämlich 13 Kilogramm abgenommen – und fast 4000€ für Muttermilch gezahlt.

Muttermilch für Erwachsene: Positive Effekte nicht bestätigt

Diese positiven Effekte des Muttermilchkonsums als Erwachsener sind nicht wissenschaftlich belegt. Ärztin und Wissenschaftlerin Sarah Steele erklärt im Journal of the Royal Society of Medicine: „Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die beweisen konnte, dass der Konsum von Muttermilch von Erwachsenen einen gesundheitlichen Nutzen hat.“ Laut Steele seien potenziell auftretende Wirkungen nichts als ein Placebo Effekt.

Muttermilch aus dem Internet birgt auch Risiken. Vor allem, da es für den Verkauf von Muttermilch grundsätzlich keine Regelungen gibt. Beim Transport können Bakterien in falsch gelagerte Milch gelangen. Außerdem wird nicht garantiert, dass die Mutter gesund ist. HIV, Hepatitis B und C können durch Muttermilch übertragen werden.

Fazit: Sollten Erwachsene Muttermilch trinken?

Muttermilch ist zum Stillen von Babys da! Für Erwachsene hat sie keine Vorteile. Das bestätigt die Forschung sowie einige Ernährungswissenschaftler. Für alle möglichen Einsatzgebiete von Muttermilch für Erwachsene gibt es Alternativen, die sicherer und billiger sind.

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Nabelschnurblut – ein Spiel mit der Angst?

Nach der Geburt bleibt Blut aus der Plazenta in der Nabelschnur zurück. Dieses Blut enthält Stammzellen, die bei der Behandlung von verschiedenen Krankheiten wie zum Beispiel Leukämie zum Einsatz kommen. Deshalb werden Mütter manchmal gefragt, ob sie Nabenschnurblut spenden wollen. Die Abnahme von Nabelschnurblut findet nach dem Abnabeln statt und ist risikofrei und nicht schmerzhaft. Es ist auch nicht mit Kosten verbunden, da das Spenderblut in öffentlichen Nabelschnurbanken kostenlos gelagert wird.

In den letzten Jahren wurde die Verwendung von Nabelschnurblut für persönliche Zwecke zum Thema. Private Nabelschnurbanken handeln das Blut als Alleskönner, Wunderheilmittel und Lebensretter. Sie raten Eltern, das Nabelschnurblut einlagern zu lassen. So kann es später verwendet werden kann, falls das Kind krank wird.

Das ist jedoch mit hohen Kosten verbunden. Je nach Anbieter werden zwischen 2.000 und 5.000€ für Transport und jahrelange Einlagerung fällig. Da das Blut meist zwischen 20 und 30 Jahre eingelagert werden muss, besteht das Risiko, dass das Blut unbrauchbar wird (zum Beispiel durch Temperaturschwankungen im Lager).

Umstrittener Nutzen der Eigenspende von Nabelschnurblut

Private Nabelschnurbanken werben damit, dass das eigene Nabelschnurblut später für die Behandlung einer Krankheit eingesetzt werden kann. Medizinisch ist das laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) allerdings fraglich. Es gäbe nämlich dazu kaum wissenschaftliche Erfahrungen.

Nur die wenigsten Eigenspender erhalten im späteren Leben Stammzellen aus ihrem eigenen Nabelschnurblut. Denn: Erkrankungen, die mit einer Stammzellen-Transplantation behandelt werden können, sind selten. Bei Krankheiten des Stoffwechsels und der Blutentwicklung – wie Leukämie – ist der Erkrankte außerdem auf Fremdspender angewiesen.

Fazit: Macht eine Eigenspende von Nabelschnurblut Sinn?

Die Eigenspende von Nabelschnurblut ist nicht schmerzhaft oder gefährlich für Mutter und Kind. Letztendlich geht es hier darum, ob Eltern sich mit eingelagertem Nabelschnurblut sicherer fühlen. Wenn sie sich das Einlagern leisten können, spricht nichts dagegen.

Plazenta – Wundermittel für Haut und Seele?

In Deutschland ist es erlaubt, die Plazenta nach der Geburt mit nach Hause zu nehmen. Es gibt zum Beispiel Bräuche, bei denen Mütter ihre Plazenta vergraben und einen Baum darauf pflanzen. In den letzten Jahren wird der Konsum der Plazenta immer beliebter.

Es wird behauptet, dass das Essen der Plazenta positive Effekte mit sich bringt. So soll es unter anderem die Wahrscheinlichkeit für Wochenbettdepression verringern, die Milchproduktion ankurbeln, das Immunsystem stärken, Geburtsschmerzen mildern und gegen Schlaflosigkeit wirken.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie die Plazenta verarbeitet und konsumiert werden kann. Spezielle Kochbücher geben Rezepte für Plazenta-Lasagnen und Smoothies. Online-Blogs raten zur Plazenta als Pizzabelag oder in der Nudelsoße. Viele Frauen entscheiden sich jedoch für eine Plazenta-Kapsel oder Globuli. Hier wird die Plazenta schockgefroren, gemahlen und dann gepresst. Die Kosten hierfür unterscheiden sich je nach Umfang und Anbieter, liegen aber meist zwischen 200 und 400€.

Plazentapillen können sogar schädlich für Babys sein

Auch hier mangelt es an seriösen Studien, die Vorteile bestätigen können. Im Gegenteil: Es ist wissenschaftlich belegt, dass der Verzehr der Plazenta keine gesundheitlichen Vorteile bringt. Experten vermuten, dass der Verzehr der Plazenta schädlich sein könnte. Die Plazenta kann nämlich neben gesunden Stoffen wie Eisen auch gefährliche Schwermetalle, Bakterien und Viren enthalten.

Das beweist auch ein Fall der sich 2016 in Oregon ereignete. Ein Baby infizierte sich bei der Geburt mit B-Streptokokken. Das Baby wurde wieder gesund, infizierte sich dann erneut, weil seine Mutter Pillen aus der Plazenta eingenommen hatte, die laut dem Fallbericht vom Center for Desease Control (CDC) die Viren enthalten haben könnten. Die Mutter könnte die Streptokokken beim Stillen an das Baby weitergegeben haben.

Fazit: Sollen Mütter ihre Plazenta essen?

Fallberichte und die Forschung sprechen ganz klar gegen den Konsum der eigenen Plazenta. Wegen möglichen Schadstoffen kann das Essen der eigenen Plazenta nicht nur für die Mutter, sondern auch für das Kind gefährlich sein.



Quellen:

  • Julia Sidwell: Woman drinks strangers’ breast milk to lose two stone after being dumped (2018) In: Onlineausgabe Mirror https://www.mirror.co.uk/news/real-life-stories/woman-drinks-strangers-breast-milk-13099866 (Letzter Aufruf 24. April 2019)
  • Sarah Steele et. Al.: More than a lucrative liquid: the risks for adult consumersof human breast milk bought from the online market (2015) In: Journal of the Royal Society of Medicine. Vol. 108(6). https://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/0141076815588539 (Letzter Aufruf 24. April 2019)
  • Anke Erath, Sonja Siegert: Rundum – Schwangerschaft und Geburt (2017) Auf: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). https://www.bzga.de/infomaterialien/familienplanung/schwangerschaft/rundum-schwangerschaft-und-geburt/ (Letzter Aufruf 24. April 2019)
  • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ): Warnung vor Verwendung unzureichend geprüfter Muttermilch (2014) In: Monatsschrift Kinderheilkunde 162(8). https://www.researchgate.net/publication/271656961_Warnung_vor_Verwendung_unzureichend_geprufter_Muttermilch (Letzter Aufruf 24. April 2019)
  • Genevieve L. Buser et. Al.: Notes from the Field: Late-Onset Infant Group B Streptococcus Infection Associated with Maternal Consumption of Capsules Containing Dehydrated Placenta (2016) Auf: Centers for Disease Control (CDC) Morbidity and Mortality Weekly Report June 30, 2017, 66(25). (https://www.cdc.gov/mmwr/volumes/66/wr/mm6625a4.htm?s_cid=mm6625a4_e#contribAff) (Letzter Aufruf 24. April 2019)