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Feindiagnostik: Wann ein Organscreening gemacht wird

vonSonja Hagl

Beim Organscreening wird dein Baby von Kopf bis Fuß untersucht. Was passiert bei der Feindiagnostik? Wann sollte die Untersuchung durchgeführt werden? Und was, wenn Auffälligkeiten gefunden werden?

vonSonja Hagl
Soll ich eine Feindiagnostik durchführen lassen?
Soll ich eine Feindiagnostik durchführen lassen?
© Bigstock/ Anna Om

Was wird bei der Feindiagnostik gemacht?

Beim Organscreening handelt es sich um eine hochauflösende Ultraschalluntersuchung, die das Baby im wahrsten Sinne des Wortes auf Herz und Nieren prüft.

Dr. Kai-Sven Heling, Pränatalmediziner und Viezepräsident der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) erklärt uns im Interview, dass die Feindiagnostik „die einzige systematische Untersuchung im gesamten Leben [ist], wo Sie praktisch ausgemessen und von Kopf bis Fuß angeschaut werden. Und damit wird jedes einzelne Organsystem dokumentiert.“

Bei der Untersuchung wird das Kind also zuerst biometrisch angeschaut und überprüft, ob die Anatomie normal ist – Gesicht, Augen, Mund, Arme, Beine und Co. werden dabei genau angeschaut. Dein Baby wird vermessen und auf körperliche Auffälligkeiten wie beispielsweise eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte untersucht.

Im nächsten Schritt werden auch die inneren Organe gemessen und untersucht. Es wird geschaut, ob alle Organe vorhanden sind, ob sie sich normal entwickeln und ob es Fehlbildungen gibt. Beim Organscreening wird unter anderem Folgendes betrachtet:

  • Magen
  • Nieren
  • Harnblase
  • Hirn
  • Herz/ Herzkammern
  • Bauchwand

Was passiert bei einer Dopplersonografie?

Bei einer Dopplersonografie im Rahmen der Feindiagnostik stehen vor allem das Herz deines Babys und dein Mutterkuchen im Fokus. Es wird überprüft, ob das Herz gut ausgebildet ist und ob die Blutzirkulation über die Plazenta und das Herz gut funktioniert. Hier kann beispielsweise eine Plazentainsuffizienz ausgeschlossen oder rechtzeitig behandelt werden.

Übrigens kann bei der Feindiagnostik in der Regel auch recht sicher festgestellt werden, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.

Wie lange dauert die Untersuchung bei der Feindiagnostik?

In der Regel dauert die Untersuchung etwa eine halbe Stunde – wenn auffällige Befunde festgestellt werden oder die Sichtverhältnisse nicht perfekt sind, kann es auch mal länger dauern.

Von wem wird das Organscreening durchgeführt?

In der Regel wird die Feindiagnostik während des normalen zweiten Ultraschalls durchgeführt. Laut der Mutterschaftsrichtlinien sollten deswegen alle Gynäkologen dementsprechend qualifiziert sein. Dr. Heling betont aber: „Die Feindiagnostik sollte idealerweise von jemandem gemacht werden, der das Schwerpunktmäßig macht, das heißt hauptsächlich.“

Sollte beispielsweise eine sehr seltene Fehlbildung vorkommen, könnte sie von einem Frauenarzt, der die Untersuchung erst ein paar Mal durchgeführt hat, übersehen werden. „Ein normaler Frauenarzt hat hier in Deutschland einen Entdeckungsrate von etwa zehn Prozent für Herzerkrankungen – und hier in Berlin, wo praktisch jede Frau zur Feindiagnostik geht, da haben sie über 90 Prozent Entdeckungsrate für Herzfehler.“

Wenn Eltern auf Nummer sicher gehen wollen, sollten sie sich also an einen speziell geschulten Arzt wenden. Die DEGUM hat hierfür ein Qualifikations-System. Hat ein Arzt die Qualifikationsstufe II oder III, handelt es um einen Arzt, sehr sich schwerpunktmäßig mit der Erkennung fetaler Entwicklungsstörungen beschäftigt und bereits eine bestimmte Anzahl an Organscreenings durchgeführt hat.

Eine Auflistung mit Ärzten der Stufe II findest du hier:

Welche Krankheiten können beim Organscreening festgestellt werden?

Durch die Feindiagnostik können eine Reihe von organischen Fehlbildungen festgestellt werden. Dazu gehören unter anderem:

  • Herzfehler
  • Lungenerkrankungen
  • Skeletterkrankungen
  • Veränderungen der Niere
  • Lücken in der vorderen Bauchwand

Dr. Heling erklärt, dass es in jedem Organsystem zu Fehlbildungen kommen kann. „Die häufigsten Fehlbildungen, die wir kennen sind Herzfehler, gefolgt von Nierenfehlbildungen.“ Übrigens sind laut ihm etwa drei bis vier Prozent aller Schwangerschaften von Fehlbildungen betroffen.

Jedoch sind nicht nur Fehlbildung eine mögliche Diagnose beim Organscreening, auch Infektionskrankheiten können entdeckt werden. Vor allem bei Frauen, die schon Kinder haben, ist das ein Thema: Kinder können von Ringelröteln oder einer Zytomegalievirus-Infektion sekundär betroffen sein.

Neben der Gesundheit des Kindes, kann die Feindiagnostik auch Aussagen zum mütterlichen Erkranken treffen. Dr. Heling nennt ein Beispiel:

Es gibt ja die Krankheit, die hat man früher als Schwangerschaftsvergiftung bezeichnet, man sagt dazu heute Präeklampsie. Der Ultraschall ist die Suchmethode dafür und die Gruppe der Frauen, die ein hohes Risiko dafür hat, bekommt eine andere Betreuung. Dadurch ermöglicht man einen längeren Schwangerschaftsverlauf und damit auch eine Geburt in Terminnähe für die Kinder.

Was passiert, wenn etwas gefunden wurde?

Wird bei dem Organscreening eine Auffälligkeit gefunden, wird im Regelfall eine weiterführende Therapie eingeleitet. Hier richtet sich die Behandlung natürlich nach der Art der Fehlbildung. Beispielsweise kann eine Fruchtwasserpunktion zum Einsatz kommen.

Außerdem bekommen Eltern nach der Diagnose eine umfassende Beratung über die Prognose und weitere Handlungsmöglichkeiten. „Frauen können das Kind zur Welt bringen und ihm das Maximum an medizinischer Betreuung geben und natürlich haben in Deutschland Frauen nach wie vor das Recht zu sagen ‚Das ist mir eine Nummer zu viel und das schaffe ich nicht‘ – Paragraf 218, die Beendigung der Schwangerschaft aus medizinischer Indikation“, erklärt Dr. Heling.

Es gibt leider auch einzelne Fehlbildungen, die so schwerwiegend sind, dass Kinder immer versterben. Dazu gehören schwerste Skelettfehlbildungen, Krankheiten, bei denen der Hirnschädel fehlt (Sonderform des offenen Rückens) oder, wenn beide Nieren nicht vorhanden sind. Diese Fehlbildungen sind jedoch extrem selten. Wird eine solche Diagnose gestellt, informiert der Arzt die Schwangere auch über mögliche nächste Schritte.

Feindiagnostik: Wann sollte sie gemacht werden?

Dr Heling erklärt uns im Interview, dass die 22. Schwangerschaftswoche der ideale Zeitpunkt für das Organscreening ist:

Das ist ein sehr guter Kompromiss: Auf der einen Seite ist das Kind anatomisch schon komplett angelegt und man kann alles ansehen, auf der anderen Seite ist das noch ein Zeitraum, dass man, falls man etwas findet, noch mit den Eltern über Zusatzdiagnostiken, Konsequenzen und Alternativen reden kann.

Grundsätzlich können sich Eltern zwischen der 19. SSW und der 24. SSW für eine Feindiagnostik entscheiden. Hierbei handelt es sich um eine freiwillige Zusatzuntersuchung unabhängig von den normalen Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft.

Für wen ist das Organscreening sinnvoll?

Manche Schwangere scheuen sich von einem Organscreening aus Angst, dass etwas bei ihrem Baby gefunden wird. Doch genau das ist der Zweck der Untersuchung: Eine Feindiagnostik beschreibt die normale Autonomie, wenn nichts gefunden wird, dann gibt das den Eltern Sicherheit.

Dr. Heling würde grundsätzlich jeder Frau zu der Untersuchung raten. Denn:

Wenn ich nichts über mein Kind weiß, dann habe ich die Ängste und den Stress bis zur Geburt. Früher wussten die Eltern gar nicht was für ein Kind auf die Welt kommt. Und wenn das Kind dann eine Fehlbildung hatte, dann wurde das zuerst auf die Kinderstation gebracht und die Eltern haben es erstmal gar nicht gesehen.

Wenn das Kind eine Fehlbildung hat, dann kann diese durch das Screening lediglich frühzeitig entdeckt werden. „Wenn ich eine Fehlbildung finde, dann habe ich eine Diagnose und die wird auch nicht weggehen oder sich verwachsen“, so Dr. Heling. Wenn Eltern aus Angst auf ein Organscreening verzichten, können Fehlbildungen und Erkrankungen bis zur Geburt nicht entdeckt werden – und das kann negative Folgen für das Kind haben. „Allein durch […] die Diagnose einer Fehlbildung verbessert man natürlich die Startchancen für ein Kind“, so Dr. Heling. Ein Kind mit einer Fehlbildung profitiert beispielsweise davon, wenn es in einem spezialisierten Krankenhaus geboren wird.

Dr. Heling gibt ein Beispiel, wieso die Feindiagnostik so wichtig sein kann:

Mit einem Herzfehler müssen [Kinder] heute nicht mehr sterben, aber heute sterben noch Kinder mit einem Herzfehler, weil es nicht mal bekannt ist, dass der Herzfehler da ist.

Feindiagnostik ist kein Babyfernseher!

Oft wird das Organscreening mit dem 3D-Ultraschall, auch Babykino genannt, in einen Topf geworfen. Beim Babyfernsehen (das ab 2021 verboten wird) setzt du deinem Baby unnötiger Strahlung aus, um es zu sehen. Im Gegensatz dazu wird die Feindiagnostik zu einem bestimmten Zweck durchgeführt: Gibt es Anomalien oder ist alles in Ordnung?

Gibt es Risiken?

Die Untersuchung ist laut Dr. Heling mit keinen körperlichen Risiken für Mutter und Kind verbunden. Und es gibt keine Risikogruppe, bei denen ein Organscreening sich besonders lohnt: „Es gibt nicht die Frauen, die nur die kranken Kinder kriegen und die Frauen, die nur die gesunden Kinder kriegen – deswegen ist es nur fair, wenn man jeder Frau die Feindiagnostik anbietet.“

Das bedeutet: Die meisten organischen Fehlbildungen sind nicht von Faktoren wie beispielsweise dem Alter abhängig. „Eine 15- oder 20-Jähige hat dasselbe Risiko [ein Kind mit einer organischen Fehlbildung zu bekommen], wie eine 40- und 45-jähige Frau“, so Dr. Heling.

Ausnahme hierbei: Down-Syndrom, das Risiko für Trisomie-21 steigt mit dem zunehmenden Alter der Mutter.

Wie viel kostet die Feindiagnostik?

Das Organscreening kostet in der Regel etwa 250 Euro. Wird die Feindiagnostik von der Krankenkasse bezahlt? Ob die Untersuchung von Krankenkassen gezahlt wird, ist unterschiedlich. Dr. Heling erklärt uns das so:

Der Gesetzgeber hat bei der Neufassung der Mutterschaftsrichtlinien ausdrücklich gesagt, dass eine Feindiagnostik auch eine IGeL-Leistung sein kann. Im Regelfall ist es allerdings gottseidank eine Kassenleistung, also es findet über einen Überweisungsschein statt.

Oft übernehmen Krankenkassen die Kosten für die Untersuchung in bestimmten Fällen, zum Beispiel…

  • … bei bestehenden Fehlbildungen in der Familie.
  • … wenn die Mutter Erkrankungen wie Diabetes mellitus hat.
  • … bei Mehrlingsschwangerschaften.
  • … nach auffälligen Ultraschallbefunden.
  • … bei Drogen- oder Alkoholkonsum in der Schwangerschaft.

Frag im Zweifelsfall am besten direkt bei deiner Krankenkasse nach, ob sie die Kosten für das Organscreening trägt.

Quellen

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