Bookmark

Offener Rücken beim Baby – Was ist Spina bifida?

vonMichaela Brehm

Der „offene Rücken“ ist eine angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Doch wie entsteht Spina bifida? Welche Formen gibt es? Kann man vorbeugen? Die Antworten.

vonMichaela Brehm
© Bigstock /Dizitsyn

Was ist ein offener Rücken genau?

Offener Rücken ist der umgangssprachliche Begriff für eine Entwicklungsstörung des Rückenmarkkanals und der Wirbelsäule (Neuralrohrdefekt). Diese findet bereits in der Frühschwangerschaft, etwa in der dritten und vierten Schwangerschaftswoche statt.

Offener Rücken – wie kommt die Fehlbildung vor?

Etwa eines von 3.000 Kindern kommt mit Spina bifida zur Welt, laut der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg ist es die „häufigste Ursache angeborener Körperbehinderung“.

: Medizinerlatein
Was heißt Spina bifida?

Der lateinische Begriff bedeutet wörtlich übersetzt „gespaltenes Rückgrat“ und drückt ziemlich gut aus, was die Fehlbildung bedeutet.

Wie entsteht der offene Rücken?

Etwa drei Wochen nach der Befruchtung der Eizelle entsteht das sogenannte Neuralrohr. Daraus entwickelt sich später die Wirbelsäule mit Rückenmark und auch das Gehirn. Das Neuralrohr ist also das Grundgerüst unseres Zentralnervensystems.

Wenn sich in dieser sensiblen Phase der Embryonalentwicklung das Neuralrohr nicht vollständig schließt, können sich Teile des Rückenmarks in einer Zyste nach außen wölben. Die empfindlichen Rückenmarksnerven sind nur noch von einer sehr dünnen Hautschicht geschützt.

 

Ursachen für den offenen Rücken beim Baby

Noch immer sind die Gründe der Fehlbildung nicht vollständig erforscht. Folgende Punkte gehören jedoch zu den Risikofaktoren:

  • genetische Vererbung
  • Folsäuremangel vor und in der Frühschwangerschaft
  • Rauchen
  • Alkohol
  • Bluthochdruck
  • Diabetes
  • Medikamente gegen Epilepsie oder Schwangerschaftsdiabetes

Wie kann ich einem offenen Rücken beim Baby vorbeugen?

Die stärkste Waffe, um einem offenen Rücken beim Baby vorzubeugen: Folsäure.

Folsäure ist ein körpereigener Stoff, der zur Bildung roter Blutkörperchen dient und bei der Zusammensetzung der DNA mithilft.

Die allgemeine Empfehlung lautet, dass Schwangere täglich zusätzlich 0,4 mg Folsäure zu sich nehmen sollten. Am leichtesten geht das natürlich in Form von Tabletten.

Ab wann? Am besten schon vier Wochen vor Beginn der Schwangerschaft und während des ersten Trimesters.

Offener Rücken – Wie erkennt man ihn in der Schwangerschaft?

Die Fehlbildung ist bereits zu einem frühen Zeitpunkt in der Schwangerschaft im Ultraschallbild erkennbar. Wenn zum Beispiel der Schädelumfang unter der Norm liegt oder die Hirnkammern erweitert erscheinen kann dies ein erster Hinweis auf Spina bifida sein.

offener Rücken im Ultraschall in der 22. SSW

Offener Rücken im Ultraschall in der 22. SSW, Das Ungeborene ist im Längsschnitt zu sehen, die Ausbuchtung ist die Myelomeningozele (Bild: Wolfgang Moroder via Wikimedia Commons)

Aber nicht nur im Ultraschall sind Anzeichen für einen offenen Rücken sichtbar, auch im mütterlichen Blut und im Fruchtwasser. Hier ist ein bestimmtes Protein (Alpha-1-Feto-Protein) erhöht.

Diese Spina bifida-Formen gibt es:

Spina bifida occulta

„Occulta“ bedeutet versteckt. Bei dieser Form ist die Wirbelsäule zwar gespalten, aber das Rückenmark tritt nicht nach außen.

Spina bifida aperta

Hier stülpt sich Rückenmarksgewebe durch den Spalt im Wirbelkanal nach außen. Je nachdem, wie stark die Rückenmarksnerven dabei geschädigt werden, ist nochmals zwischen zwei Formen zu unterscheiden.

Bedeutet der offene Rücken immer eine schwere Behinderung?

Nein, nicht immer! Das kommt vor allem auf die Form der Spina bifida an und wie stark das Rückenmark betroffen ist.

„Die Auswirkungen können je nach Position des Wirbelbogendefektes [Anm. d. Red. gemeint ist an welcher Stelle der offene Rücken auftritt] und dem Ausmaß einer Schädigung der Nervenstränge sehr unterschiedlich sein. Sie reichen von eher geringen Beeinträchtigungen wie Sensibilitätsstörungen bis zu einer Querschnittlähmung“,

erklärt die Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus e. V.

Mögliche Beeinträchtigungen bei Spina bifida

  • Spina bifida occulta bedeutet keine Beeinträchtigung  und muss meist auch nicht behandelt werden. Oft bleibt sie sogar unentdeckt.
  • Die Meningozele ist weniger folgenschwer, die Rückenmarksnerven wurden nicht beschädigt. Der offene Rücken muss zwar geschlossen werden, aber Behinderungen sind nicht zu erwarten.
  • Nur die Myelomeningozele bedeutet für das Kind schwere Beeinträchtigungen wie Lähmungen oder Skelett-Fehlbildungen. Babys mit dieser Fehlbildung werden sehr wahrscheinlich niemals laufen können.

Myelomeningozele - mögliche Folgen

Querschnittslähmung
Muskellähmungen
gestörte Blasen- und Darmfunktion
Gelenkfehlstellungen
Wasserkopf (Hydrozephalus)
seltener epileptische Anfälle

Wichtig: Die Schwere der Behinderung ist individuell sehr unterschiedlich. Unter anderem kommt es auch darauf an, an welcher Stelle der Wirbelsäule sich der Wirbelkanal nicht richtig geschlossen hat. Es gilt die Faustregel: Je weiter oben, desto schwerer die Schäden.

Und: der offene Rücken hat nichts mit einer geistigen Behinderung zu tun. Es ist eine rein körperliche Beeinträchtigung!

Wie wird der offene Rücken behandelt?

Eine Behandlung heißt beim offenen Rücken (Spina bifida aperta) immer eine Operation. Diese kann bereits in der Schwangerschaft durchgeführt werden oder aber in den ersten 48 Stunden nach der Geburt des Babys.

Wie groß oder klein der Eingriff ist, lässt sich nicht pauschal sagen – das hängt von der Schwere des Defekts ab und vielen anderen Faktoren. Dein Arzt ist hier auf jeden Fall der beste Ansprechpartner.

: Wie war das früher?
Niedrige Überlebenschancen

Bis in die 60iger Jahre hinein starben Neugeborene mit Spina bifida häufig an einer Infektion des offenliegenden Rückenmarks. Durch die sehr guten medizinischen Standards gehört das aber der Vergangenheit an.

Offener Rücken gleich geringere Lebenserwartung?

Bei deinem Baby besteht der Verdacht oder die Diagnose „offener Rücken“? Unabhängig von der Schwere und Ausprägung bedeutet das NICHT, dass dein Kind eine schlechtere Lebenserwartung oder Überlebenschance hat. Mit der heutigen medizinischen Versorgung ist in den meisten Fällen eine sehr gute Lebenserwartung und auch -qualität gegeben.

Hol dir Hilfe!

  • Die „Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus e.V.“. (ASBH) setzt sich seit 1966 für die Belange von Betroffenen und Angehörigen ein, informiert und berät. Wenn du schwanger bist und die Diagnose im Raum steht, hole dir auf jeden Fall Unterstützung. Mehr Infos findest du auf der Website des ASBH.
  • Der „Bundesverband zur Begleitung von Familien vorgeburtlich erkrankter Kinder e.V.“ ist ein gemeinnütziger Elternverein, der sich auf vorgeburtliche Erkrankungen spezialisiert hat. Unter anderem bietet der Verein ein Patenprogramm an. Mehr Infos findest du auf der Webseite des BFVEK.

Quellen

Top