Superfood Mutterkuchen? Warum Frauen ihre Plazenta essen und Experten davon abraten!

Gabel liegt neben einem Teller
Ist die Plazenta wirklich ein Superfood?
© Unsplash/ Sigmund

Es soll eine Reihe an Vorteilen haben, nach der Geburt die Plazenta zu essen – jedoch ist die sogenannte Plazentophagie auch mit möglichen Risiken verbunden. Wir erklären dir, woher der Trend kommt, welche Vorteile versprochen werden und, was gegen den Plazenta-Verzehr spricht.

Warum essen einige Frauen ihre Plazenta: Traditionen & Trends

Die Plazenta (auch Mutterkuchen) versorgt das Baby im Mutterleib mit wichtigen Nährstoffen. Nach der Geburt wird die Plazenta nicht mehr gebraucht und vom Körper als Nachgeburt abgestoßen.

Meist wird die Nachgeburt in der Geburtsklinik entsorgt, aber einige Frauen schwören darauf, die Plazenta zu essen. Dieser Trend, auch Plazentophagie bezeichnet, basiert auf der Annahme, dass der Verzehr der Plazenta einige gesundheitliche Vorteile bieten kann.

Die Plazenta als Teil der traditionellen chinesischen Heilmedizin

Dabei handelt es sich eigentlich gar nicht um einen neuen Trend, sondern vielmehr um eine alte Tradition. Schon im alten China wurde die Plazenta zum Beispiel in der traditionellen Heilmedizin genutzt – es wurde geglaubt, dass der Mutterkuchen das Qi (also die Lebensenergie) stärken kann.

Auch in der Kosmetikindustrie wurde die Plazenta früher bereits genutzt. Das erklären die Ärztin Dr. med. Sophia K. Johnson und die Biologin Jana Pastuschek in ihrem Buch Plazenta Power. Darin befassen sie sich mit dem aktuellen Forschungsstand der Plazentophagie und versuchen zu klären, ob die Plazenta tatsächlich eine „Wunderpille fürs Wochenbett“ ist. Sie schreiben:

In den 1970er Jahren erlebte die Plazenta eine Renaissance in der Verwendung für Schönheitsprodukte. Plazentaextrakte wurden auch in ‚Hormoncenta‘ verwendet – und der Nutzen der enthaltenen Östrogene für die Haut angepriesen.

Mit dem Auftreten der HIV-Erkrankung wurde die kommerzielle Weiterverarbeitung von Plazenta aufgrund von Hygiene- und Infektionsvorschriften beendet.

Ausgehend von diesen Bräuchen ist das Plazenta-Essen in den letzten Jahren auch in westlichen Ländern immer beliebter geworden. Promis wie Kim Kardashian machten es vor – und viele andere Frauen folgten ihrem Beispiel. Sängerin und Schauspielerin Mandy Moore ist so überzeugt von der Wirkung, dass sie auch nach ihrer zweiten Schwangerschaft wieder ihre Plazenta gegessen hat.

: Plazenta-Konsum in der Tierwelt

Übrigens ist der Verzehr der Plazenta auch in der Tierwelt weitverbreitet. Johnson und Pastuschek schreiben: „Plazentophagie ist unter Pflanzenfressern und Fleischfressern, Nestflüchtern und Nesthockern zu beobachten. Also auch Kühe, die sich eigentlich nur von Pflazen ernähren, fressen ihre Plazenta, wenn man sie lässt.“

So wird einerseits die Plazenta aufgebraucht – sonst könnte sie Aasfresser und Raubtiere anlocken- andererseits kommen die frischgebackenen Tier-Mütter wieder zu Kräften. Untersuchungen an Tieren haben auch ergeben, dass Plazentophagie ängstliches Verhalten bei Mäusen reduzieren kann und offenbar eine schmerzstillende Wirkung hat.

Ein Superfood? Vorteile vom Plazenta Essen

Befürworter:innen schwören auf die vielseitigen positiven Effekte. Denn: Die Plazenta enthält viele verschiedene Nährstoffe, wie: Vitamin B6, Vitamin B12, Eiweiß und Eisen.

Auch Johnson und Pastuschek schreiben: „Plazenta ist eine natürliche Quelle für essenzielle Spurenelemente wie >Natrium, Kalium, Phosphor, Calcium, Kupfer, Magnesium, Zink, Selen und Eisen. Diese sind für viele Stoffwechselprozesse notwendig.“ Die beiden haben außerdem sechs Plazenten (jeweils auf verschiedene Arten verarbeitet) untersucht und darin die Hormone CRH und ACTH (regulieren die Stressadaption), Oxytocin und humanes Plazenta-Laktogen (haben eine Bedeutung fürs Stillen), sowie Östrogen und Progesteron gefunden.

Wegen dieser Inhaltsstoffe soll der Konsum vom Mutterkuchen einige Vorteile für die postpartale Gesundheit haben. Der Verzehr der Nachgeburt soll unter anderem:

das Immunsystem stärken
die Mutter-Kind-Bindung stärken
Schmerzen nach der Geburt lindern
die Nachwehen leichter/schmerzfreier machen
die Muttermilchproduktion anregen/fördern
eine Wochenbettdepression verhindern
für ein schönes Hautbild sorgen
den Hormonspiegel nach der Geburt ausgleichen
die Energie wiederherzustellen, die während der Geburt verloren ging
die Gewichtsabnahme nach der Geburt fördern

Ausreichende wissenschaftliche Belege für diese Effekte für Menschen gibt es aber nicht! Im Gegenteil: Einige kleinere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass es keine positiven Effekte hat, wenn Frauen ihre Plazenta essen. Umfassende Studien zu diesem Thema gibt es aktuell nicht.

Für Johnson und Pastuschek ist der Grund dafür klar:

„Das Problem bei klinischer Forschung mit menschlicher Plazenta ist: Von diesem humanen Gewebe geht ein potenzielles Infektionsrisiko aus, da es nicht steril ist. Außerdem ist die Plazenta nicht zu standardisieren. Die Inhaltsstoffe variieren von Frau zu Frau, eine exakte Dosisangabe ist nicht möglich – und unter anderem daran scheitert bisher die Umsetzbarkeit klinischer Studien.“

Tatsächlich raten einige Experten sogar vom Konsum des Plazenta ab.

Plazentophagie: Bedenken und Risiken

Rein wissenschaftlich betrachtet hat es nach der aktuellen Studienlage keine bewiesenen positiven Effekte die Plazenta zu essen. Es könnte sogar negative Folgen haben. Denn: Im Bauch schützt die Plazenta dein Baby vor Schadstoffen – sie wirkt wie ein Filter.

In der Nachgeburt können diese Umweltgifte, Schwermetall-Rückstände sowie Bakterien und Viren enthalten sein. Isst du die Plazenta, nimmst du diese Stoffe zu dir und gibst sie gegebenenfalls über die Muttermilch an dein Baby weiter.

Das amerikanische Center for Disease Control and Prevention (CDC) berichtete beispielsweise 2016 von einem Fall, bei dem ein Neugeborenes eine B-Streptokokken-Infektion bekam. Die Mutter des Kindes hatte Plazenta-Globoli gegessen, die den Erreger enthielten, und ihn dann an das Baby weitergegeben.

: Soll ich mich testen lassen?

Andere Kritikpunkte sind:

  • Es kann zu unerwarteten allergischen Reaktionen kommen
  • Durch die Schadstoffe und Viren kann es zu Infektionen kommen
  • Eine sichere und hygienische Zubereitung der Plazenta kann schwer sein

Manche Kritiker sehen den Plazenta-Verzehr sogar als ‚Kannibalismus‘ an. Vor allem, weil die Plazenta genetisch zum Neugeborenen gehört. Rein rechtlich ist sie aber das Eigentum der Mutter. Wenn du also die Plazenta essen möchtest, ist das deine alleinige Entscheidung.

Letztendlich bleibt es deine freie Entscheidung, was du nach der Geburt mit deiner Plazenta machen möchtest. Lass dich am besten ausführlich von deiner Hebamme beraten. Du kannst dir auch Globuli oder Plazenta-Kapseln anfertigen lassen und dir dann in Ruhe überlegen, ob du diese einnehmen möchtest.

Ich will meine Plazenta essen: Verarbeitung und Rezepte

Wenn du trotzdem deine Plazenta essen willst, dann solltest du dir überlegen, in welcher Form du den Mutterkuchen konsumieren willst. Denn es gibt unzählige Möglichkeiten, die Nachgeburt zu verzehren und zuzubereiten. Einige Frauen kochen einfach die Plazenta, schneiden sie in kleine Stücke, die sie dann einfrieren und über einen längeren Zeitraum einnehmen. Andere Frauen essen einfach ein kleines Stück der Plazenta roh oder püriert in einem Smoothie (bevor du die Plazenta roh isst, solltest du aber auf jeden Fall mit deinem Arzt oder deiner Hebamme sprechen).

: Globuli, Shakes und Kunst

Alternativ gibt es auch Plazenta-Kapseln, sogenannte Plazenta-Nosonden. Hier wird die Plazenta gereinigt und zu Kapseln oder Globuli verarbeitet – Frauen können die Kapseln dann wie ein Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Einige Apotheken und viele Online-Anbieter vertreiben solche Nosonden.

Allerdings sinkt der Hormongehalt mit jedem Verarbeitungsschritt weiter ab. Eine getrocknete und zu Pulver verarbeitete Plazenta, wie in der traditionellen chinesischen Medizin, enthält bis zu 99 Prozent weniger Hormone.

Einige Hebammen fertigen Plazenta-Kapseln aus der frischen Nachgeburt an, die dann im Kühlfach gelagert werden können.

Wieder andere bereiten aus dem Mutterkuchen ganze Gerichte, wie etwa eine „Bolognese“ zu – eine Reihe an Rezepten für Plazenta-Gerichte findest du ganz einfach online. Auch Johnson und Pastuschek geben in ihrem Buch ‚Plazenta Power‘ konkrete Rezepte für Smoothies (süß und herzhaft), Suppen und Co.

Wie bereitet man Mutterkuchen zu?

Johnson und Pastuschek betonen, dass die Plazenta in einem sauberen Umfeld verarbeitet werden sollte. Hände waschen, gegebenenfalls Handschuhe tragen und abgekochtes Schneidewerkzeug benutzen kann hier sinnvoll sein.

Am sichersten ist es, die Plazenta gründlich zu reinigen und zu kochen, bevor sie gegessen wird. Du kannst die Plazenta zum Beispiel in Scheiben schneiden und, ähnlich wie ein Steak, braten. Gewürze wie Knoblauch, Paprikapulver oder Rosmarin können den Geschmack verbessern.

Wichtig ist, dass du den Mutterkuchen vor dem Verzehr komplett durchkochst – so werden Bakterien abgetötet.

Wie schmeckt Plazenta?

Viele Frauen, die ihren Mutterkuchen essen, beschreiben den Geschmack als metallisch, in etwa so, als würdest du das Blut einer kleinen Schnittwunde am Finger absaugen. Die Ursache dafür ist der hohe Eisen-Anteil in der Plazenta. Oft wird der Geschmack auch als ‚erdig‘ beschrieben.

Von der Konsistenz ist der Mutterkuchen sehr fest und erinnert zubereitet am ehesten an Leber.

Weitere Fragen zum Thema

Ist es gesund die Plazenta zu essen?

Wie schmeckt Plazenta?

Ist es Kannibalismus, wenn man die Plazenta isst?

Alternativen zur Plazentophagie

Natürlich ist das Essen der Plazenta nicht etwas für jede Frau. Wenn du trotzdem etwas mit deiner Plazenta machen willst, gibt es andere schöne Traditionen und Bräuche. Zum Beispiel kannst du den Mutterkuchen vergraben.

Auch hierbei handelt es sich um einen alten Brauch – es wird geglaubt, dass so eine spirituelle Verbindung zur Erde geschaffen wird. Auf die Plazenta wird dann ein Baum oder eine andere Pflanze gepflanzt. Das Wachstum dieser Pflanze soll das Wachstum und die Entwicklung des eigenen Kindes symbolisieren.

Wichtig hierbei ist, dass du die Plazenta tief genug vergräbst, dass Tiere sie nicht ausgraben.

Es gibt noch einige weitere ausgefallene Ideen, was du mit dem Mutterkuchen machen kannst. Von Schmuck bis hin zu Kunst. Einige Inspirationen haben wir hier für dich gesammelt.

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