Bookmark

Schwangerschaftsdemenz: Mythos oder Realität?

Werdenden und stillenden Müttern wird oft nachgesagt, dass sie sehr vergesslich sind. Dann bleibt der Schlüssel über Nacht in der Haustür stecken oder der Name der Nachbarin will dir einfach nicht einfallen. Hier erfährst du, was hinter der sogenannten Schwangerschaftsdemenz beziehungsweise Stilldemenz steckt.

Macht die Schwangerschaftsdemenz Frauen wirklich vergesslicher?
Macht die Schwangerschaftsdemenz Frauen wirklich vergesslicher?
©Unsplash/ Alessandro di Credico

Schwangerschaftsdemenz – was ist das eigentlich?

Eine Sache vorweg: Die angebliche Schwangerschaftsdemenz oder auch Stilldemenz hat Gott sei Dank mit den unterschiedlichen Krankheitsformen von Demenz, darunter zum Beispiel Alzheimer, nichts zu tun. Im Englischen wird die Vergesslichkeit werdender und junger Mütter passenderweise als ‚Baby Brain‘ bezeichnet und soll nach spätestens einem Jahr wieder vorbei sein.

Die typischen Symptome der Schwangerschaftsdemenz treten oft in den letzten Schwangerschaftswochen auf. Werdende Mütter sind dann vergesslich – sie können sich auch schlecht auf Dinge konzentrieren.

Video-Empfehlung

Wie entsteht die Vergesslichkeit in der Schwangerschaft?

Die lieben Hormone. Sie machen dich in deiner Schwangerschaft nicht nur launisch, sie sich auch der Auslöser für deine Vergesslichkeit. Es wird angenommen, dass die Schwangerschaftsdemenz durch den Progesteron- und Östrogenspiegel sowie die Hormone Oxytocin und Prolaktin ausgelöst wird.

Auf der einen Seite machen Studien die veränderten Hormonwerte für die Schwangerschafts- und Stilldemenz verantwortlich. Laut Silvia Oddo, Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Geburtshilfe an der Uniklinik Frankfurt, steigt gegen Ende der Schwangerschaft und während der Stillzeit der Oxytocin- und Prolaktin-Spiegel nämlich an. Gegenüber dem Nachrichtenmagazin Welt erklärt sie, dass die beiden Hormone für die Mutter-Kind-Bindung zuständig sind. Das bedeutet, dass sich dein Fokus verstärkt auf das Neugeborene richtet und so alles andere zur Nebensache und deshalb auch schon mal vergessen wird.

Nicht alle Mütter können die kurzzeitige Vergesslichkeit bestätigen. Manche zeigen weder vor noch nach der Schwangerschaft die charakteristischen ‚Symptome‘ einer Schwangerschaftsdemenz, wohingegen andere schon während der Schwangerschaft über vermehrte Zerstreutheit und Gedächtnisschwund klagen.

Gibt es die Schwangerschaftsdemenz wirklich und wenn ja, was ruft sie hervor?

Ob es die Schwangerschaftsdemenz wirklich gibt oder nicht, ist in der Wissenschaft noch umstritten.

Ein Forscherteam der Deakin University Melbourne hat beispielsweise 20 Studien analysiert. Die Daten von mehr als 700 schwangeren Frauen wurden untersucht – und mit 700 nicht-schwangeren Frauen mit gleichem Alter verglichen. Das Ergebnis: Die kognitiven Leistungen der Schwangeren waren um zirka 28 Prozent geringer. Das würde die Existenz der Schwangerschaftsdemenz beweisen. Die Untersuchung zeigte, dass nicht nur Gedächtnis, sondern auch Entscheidungsfähigkeit und Impulskontrolle in der Schwangerschaft sinken.

Auch ist es möglich, das Gedächtnisdefizit mit dem veränderten Tagesrhythmus zu erklären. So kann ständiger Schlafmangel und der besagte Fokus auf das Kind dazu führen, dass auch die Gedächtnisleistung abnimmt.

Auf der anderen Seite behauptet eine australische Studie der University Canberra, dass Schwangerschaftsdemenz nicht existiert, sondern dass die Frauen, die angeblich unter dem ‚Baby Brain’ litten, schon vor der Schwangerschaft Gedächtnisschwächen aufwiesen oder zur Schusseligkeit tendierten.

Die Forscher ermittelten in der Studie anhand verschiedener Tests die kognitiven Leistungen vor, während und nach der Schwangerschaft. Das Ergebnis: Sie konnten keine signifikanten Unterschiede in den erbrachten Leistungen feststellen.

Was tun, wenn ich das Gefühl habe, an Schwangerschaftsdemenz zu leiden?

Wenn du das Gefühl hast, dass du seit deiner Schwangerschaft oder nach Geburt deines Kindes tatsächlich schusseliger geworden bist, gibt es ein paar Tricks, mit denen du deiner Schwangerschafts- oder Stilldemenz ein Schnippchen schlagen kannst:

  • Lege Schlüssel, Handy & Co zu Hause immer an ein und demselben Platz ab
  • Trinke viel, das hält dein Gehirn auf Trab und ist sowieso immer gut
  • Ruhe dich immer wieder aus – so können Körper und Geist regenerieren.
  • Lass dich zwischendurch nicht ablenken. Wenn du etwas anfängst, dann mach es auch fertig. Schwangerschaftsdemenz und Multitasking sind keine gute Kombination.
  • Benutze Post-its, auf die du dir die wichtigsten Erinnerungen schreibst oder nutze alternativ die Erinnerungsfunktion deines Handys.
  • Kreuzworträtsel und Sudokus halten dein Gehirn auf Trab.
  • Ein gutes Buch oder ein Spaziergang an der frischen Luft wirken manchmal auch Wunder.

Wenn dich die Symptome einer Schwangerschafts- oder Stilldemenz bei dir bemerkbar machen, musst du dir keine Sorgen machen. Die Vergesslichkeit in der Schwangerschaft und im Wochenbett ist weder gefährlich noch bleibend. Spätestens nach der Stillzeit wird alles wieder paletti sein.

Wenn zu den Anzeichen der Schwangerschaftsdemenz aber noch andere Symptome dazukommen – zum Beispiel Lustlosigkeit, Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit – dann solltest du mit deinem Arzt darüber sprechen – das könnten Anzeichen für eine Schwangerschaftsdepression sein.

Quellen


Quellen