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Wie fühlen sich Wehen an? Die ungeschminkte Wahrheit

Ich weiß ja! Man darf Frauen, die noch keine Kinder haben, nicht mit der ungeschminkten Wahrheit über Geburtswehen verschrecken. Sie überdenken sonst ihren Kinderwunsch. Und es ist ja auch so, dass eine Mutter die Schmerzen der Geburt vergisst, wenn sie ihr Neugeborenes erst in den Armen hält. So kommt sie wenigstens nicht auf die Idee, ihre Erfahrungen weiter zu geben. Ich aber habe es erzählt, bevor ich vergaß.

Geburtswehen sind für jede Frau eine individuelle Erfahrung
Geburtswehen sind für jede Frau eine individuelle Erfahrung
© Bigstock/Kacso Sandor

Als ich das Drama der Geburt zum ersten Mal hinter mir hatte, rief mich meine bis dahin noch kinderlose Cousine an, gratulierte und fragte arglos: „Und, wie war‘s?“ Das Durchlebte der vergangenen Nacht war so nah, dass ich mich an mindestens zwei Drittel der Leiden noch erinnern konnte. „Wie fühlen sich Wehen an?“ – Kein Problem! Ich hatte nichts Besseres zu tun, als meiner armen, ahnungslosen Verwandten einen detaillierten Bericht auf ihre sicher nur rhetorisch gestellte Frage zu geben.

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Obwohl meine Cousine damals schon mit dem Gedanken gespielt hat, Nachwuchs zu bekommen, dauerte es noch zwei Jahre, bis sie sich endlich traute. Ich glaube, ich bin schuld daran! An dieser Stelle, liebe Anna: „Es tut mir leid, dass ich so schonungslos ehrlich war. Ich hab‘s gesagt, bevor ich alles – wie von der Natur gewollt – wieder vergessen habe“. Dies war meine Geschichte:

Als die Wehen losgingen, fand ich die rhythmischen Wellen zunächst noch ganz witzig. Es kitzelte vom kleinen Zeh den ganzen Körper hinauf und hinab, aber das kannte ich ja schon von den Übungswehen. Dazu drückte eine unendliche Kraft mein Gewicht nach unten und ich verspürte einen gleichzeitigen Impuls, mich selbst nach oben heben zu wollen. Auf der Toilette war dieser Spaß besonders groß! Zu diesem Zeitpunkt spürte ich natürlich die Verunsicherung. „Geht es jetzt wirklich los?“ Als die Schmerzen stärker und unregelmäßiger wurden, fuhren wir ins Krankenhaus. Im Auto zitterte mein ganzer Körper. Ich redete mir ein, dass es an der Kälte lag – es war schließlich Ende März.

Ich hoffte darauf, dass die Hebamme sagt: „Das waren nur Testwehen!“

Im Krankenhaus angekommen, kam ich kaum die Stufen zum Eingang hinauf. Ich blieb stehen und wollte die Wehe mit ihrer unglaublichen Kraft abwarten, während mein Mann versuchte, mich die Treppe hinaufzuschieben. So eilig hatte er es, mich endlich in professionelle Hände abzugeben. Der Druck war mittlerweile so groß, dass ich glaubte innerlich zu verbrennen. Es zog, brannte und zerrte gleichzeitig in und an mir.
In den Wehen-Pausen hoffte ich darauf, dass uns die Hebamme wieder heimschickt. Schon in dieser frühen Phase sehnte sich mein erschöpfter Körper nach Ruhe und Erholung. Ich weiß noch, wie sich die Blicke von meinem Mann und mir trafen, als wir hörten: „Das sind schon ganz anständige Wehen. Ohne Kind kommen sie hier nicht wieder weg.“ Es war das letzte Mal, dass ich auf meine Umgebung bewusst reagieren konnte.

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Nach der Untersuchung platzte meine Fruchtblase. Es wurde ernst. Von jetzt an kamen die Wehen jede Minute ohne Unterbrechung. Laut Theorie in der Geburtsvorbereitung sollte es doch Pausen geben, in denen man sich erholen und mit dem Partner unterhalten kann. Nichts – ich hatte keinen Moment zum Luftholen! Nach etwa einer Stunde – vor lauter Schmerzen hatte ich bereits jegliches Zeitgefühl verloren – verkündete die Hebamme bei der Untersuchung: „So jetzt ist der Muttermund etwa drei Zentimeter geöffnet. Pro Stunde rechne ich mit einem weiteren Zentimeter. Bis nachher!“ Was??? Ich lebte in meinem eigenen Tunnel, überlebte nur knapp, weil ich mir bisher nie bekannte Leiden schönredete. Jede Minute wurde zur Qual und dann kam die Hebamme mit solchen Neuigkeiten? Und wo ging sie hin? Ich hatte die letzte Stunde mit unaufhörlichen und unvorstellbaren Schmerzen zugebracht und der Erfolg davon sollten nur lächerliche drei Zentimeter sein? Meine Gedanken rasten: Wie viele hatte ich denn noch vor mir? Etwa sieben? Das hielt die stärkste Frau nicht aus.

In meinem Körper hatte jemand den Selbstzerstörungsknopf gedrückt

Komisch, obwohl ich mich schon in dieser Phase an keine Details nichts erinnern kann, saugte ich die Worte der Hebammen und Ärzte auf wie ein Schwamm. Sie waren wie ein Tor zur Außenwelt, der letzte rettende Strohhalm, während irgendjemand in meinem Körper den Selbstzerstörungsknopf gedrückt hatte.

Aus meinem halbwachen Bewusstseinszustand weckte mich ein unangenehmer Schüttelfrost. Ich musste auf die Toilette, bekam Durchfall und fragte wie ein funktionierender Roboter nach Wärme. „Vielleicht in der Geburtswanne, nur um einigermaßen wieder klarzukommen.“ Das kam ganz spontan. Wir hatten vorher nie über eine Wassergeburt nachgedacht. Es war also alles andere als geplant, als ich mich kurz darauf in der einlaufenden Wanne wiederfand. Obwohl das Wasser recht schnell einlief, erschien es mir wie eine halbe Ewigkeit. In dem weißen, kalten und überdimensional großen Behälter wurden meine Schmerzen größer als je zuvor. Nackt und zitternd hoffte ich auf etwas Wärme, die mit dem steigenden Wasserstand auch kam. Mit ihr ließ zwar der unsägliche Schüttelfrost nach, sie schien aber meine Wehen noch mehr anzuheizen.

Die Geburtswanne wurde durch mich zum Whirlpool

Mein Mann schilderte mir später: „Das Wasser in der Wanne hat gekocht!“ Ja, und zwar durch mich. Ich hielt nie still. Durch meine Drehungen, Biegungen und Windungen wurde die Geburtswanne zu einer Art Whirlpool. Zugegeben, im Nachhinein hätte ich das gern mal von außen gesehen. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass mir alles wie ein Albtraum vorkam. Ich wusste einfach nicht, wie ich mich drehen oder wenden sollte, um dem Schmerz irgendetwas entgegenzusetzen. Am schlimmsten waren die Momente nach einer Untersuchung. Ich hoffte so sehr, die Hebamme würde sagen, so jetzt kommt das Baby bald. Stattdessen wieder dieses unglaubliche: „Jetzt ist der Muttermund schon fünf Zentimeter geöffnet – gut gemacht, weiter so!“

Ich fragte mich, was ich denn gemacht hätte. Wofür wurde ich denn gelobt, fürs Durchhalten? Nicht mehr zu wissen, wie man heißt, war neu für mich. Mit letzter Kraft schüttelte ich den Kopf, sah der Hebamme mit zornigen Gollum-Augen tief ins Gesicht und versicherte ihr: „Das schaffe ich nicht!“ Auf ihr Lächeln hin und ein erfahrenes: „Doch, ich weiß, dass Sie es schaffen!“ verwandelte sich mein Blick in einen verzweifelten, bettelnden Ausdruck, der flehentlich um Hilfe rief. Ich konnte es nicht fassen, dass noch mindestens zwei endlose Stunden vor mir lagen. An die kann ich mich heute beim besten Willen nicht mehr erinnern.

Endlich – die ersten Presswehen

Mit den ersten Presswehen kam ich aus meiner passiven Opferrolle heraus. Endlich konnte ich aktiv mithelfen, auch wenn die Qualen – wer kann sich so etwas nur ausdenken – damit ein noch höheres Schmerzlevel erreichten. Ein unbeschreibliches Ziehen, Brennen und Drücken erschütterten mittlerweile meine Eingeweide.

Endlich sagte die Hebamme: ich solle so pressen, wie beim Stuhlgang. Es funktionierte! Unglaublich, wie motivierend Sätze wie: „Ich kann das Köpfchen schon sehen!“ sein können. Das Ende war dann wirklich wie ein Happy End aus Hollywood. Mitten im größten Schmerz erblickte ich von einer Sekunde auf die andere das schönste Wesen, dass ich je gesehen habe. Es kam direkt aus meinem Bauch mitten in mein Herz. Ich erwachte aus dem Albtraum so abrupt, als ob jemand einen Aus-Knopf gedrückt hätte. Warum hatte er ihn nicht schon vorher gedrückt? Wenn ich den jemals in die Finger kriege!

Rückblickend war es falsch, meine Cousine so aufzuklären. Sie war leider zur falschen Zeit am falschen Telefonhörer. Aber wenn mich meine Tochter mal nach der ungeschminkten Wahrheit: „Wie fühlen sich Wehen an?“ fragen sollte, werde ich einfach wie Generationen vor mir sagen: „Das haben schon ganz viele Frauen vor dir hinbekommen. Angenehm wird es nicht, aber du wirst das schon meistern.“